Sprache

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Funktion der Sprache

  • Sprache als Abbildung (linguistische Inventartheorie): Platon, Wittgenstein
  • Sprache als Antwort: Aristoteles

Aristoteles überwindet mit der Satztheorie in De interpretatione sowie mit seiner Kategorienlehre (abzüglich der pseudo-aristotelischen Schrift Kategorien) dieses altertümliche Sprachverständnis Platons von der Rede als gliedernder Aufzählung des Was. Er versteht die Aussage nicht mehr, wie Platon, als Abbildung, sondern als Antwort auf eine Frage. (S-DWdeP2 580)

Die gegenständliche Sprache erhascht nur einen Zipfel des wirklichen Lebens. (Martin Buber: Ich und Du. Heidelberg 1974, S. 25. In: Bennet-Vahle: Mit Gefühl denken. S. 88f)

Ursprung der Sprache: privative Weitung

Am Ursprung der Sprache muss wohl ein mächtiger Durchbruch privativer Weitung in der leiblichen Dynamik der Menschen gestanden haben, wodurch sie vom Druck der Situationen in der Einleibung so frei wurden, dass diese nicht mehr allein durch Rufe und Schreie, die dieser Druck aus sich hervorpresst, beantwortet werden konnten. (S-DRdN 238)

Natürliche Sprachen als Situation aus Sätzen

Sprachen sind teils

  • natürliche Sprachen,
  • teils Kunstsprachen.

Natürliche Sprachen sind Situationen, in die man entweder (besonders in der Kindheit) ganzheitlich hineinwächst oder schrittweise und willkürlich eindringt, bis man sie "kann" oder "beherrscht", wie Schwimmen oder Tanzen oder ein Instrument (Klavier, Schreibmaschine, Auto usw.) (S-NGdE 240f)

Sprache und Regeln

[Sprache ist] ein Gesamtprogramm oder Verhaltensmuster, bestehend aus Regeln (d.h. Programmen für möglichen Gehorsam, denen unbestimmt häufig gehorcht werden kann), die mit im Allgemeinen unverbindlicher (d.h. vom Belieben des Adressaten, hier des jeweiligen Sprechers, abhängiger) Geltung Rezepte dafür angeben, wie man sich zu benehmen hat, um redend Sachverhalte, Programme und Probleme darzustellen und dabei nach Bedarf Sprechakte zu vollbringen. (S-NGdE 239f)

Die jeweilige Sprache ist ein Regelsystem, nämlich eine Situation mit diffus chaotisch-mannigfaltiger Bedeutsamkeit aus Regeln, nämlich Sätzen. (S-Weg 584)

Eine Sprache ist demnach kein System einzelner Regeln, sondern ein Ganzes mit binnendiffuser Bedeutsamkeit aus Programmen mit unverbindlicher Geltung, die Regeln für mögliches Sprechen sind; dieses Ganze ist durch absolute Identität und Verschiedenheit so gut geordnet, dass der Könner sich beim Zugriff in ihr auskennt, ohne doch den Inhalt Stück für Stück einzeln mustern zu können. (S-DRdN 213)

Einbettung in der Sprache

Die Einbettung befähigt den Sprecher, mit ihr [der Sprache] redend umzugehen. (S-NGdE 260)

Das Kind wächst ganzheitlich in eine Sprache hinein, dringt in sie ein.

Das Kennen der Bedeutungen und Sinne doxischer Diamorphe ... beruht auf dem so erworbenen ganzheitlichen Innesein; ... (S-DuG 187)

Sprache kein System sondern Nomos

Eine Sprache ist eine Situation, die ganz in ihrem Programmgehalt aufgeht und damit ihr eigener Nomos ist. Der Grundsatz für die kategoriale Einordnung von Sprachen kann also lauten: Eine Sprache ist kein System, sondern ein Nomos. (S-DRdN 214)

Eine Sprache ist überhaupt kein System, sofern dieses Wort eine numerische Mannigfaltigkeit aus lauter einzelnen Entitäten (numerische Einheiten) bezeichnet, und sie enthält gar keine Zeichen, sondern Regeln für die Erzeugung von Sprüchen und Spruchteilen, von denen einige Zeichen sind, andere nichts bezeichnen. (S-DRdN 215)

Sprache kein Zeichensystem

"Niemand zweifelt heute daran, dass die Sprache ein Zeichensystem ist." (Harald Weinrich, Sprache heisst Sprachen, Tübingen 2011, S. 25)

Siehe: Sprache als Menge oder Situation von Regeln

Inventartheorie der Sprache

Siehe: Elementarismus

Gebrauchstheorie der Sprache

  • Leitmotiv: "Bedeutung gleich Verhalten (und zwar gleich dem Verhalten, das zu dem Wort führt, und dem Verhalten, das durch das Wort ausgelöst wird)." (Hörmann, zit.n. S-DuG 187)

Darüber sind sich die Behavioristen einig mit Wittgenstein, der seinem Leser den Befehl gibt: "Sieh den Satz als Instrument an, und seinen Sinn als seine Verwendung!" Hier werden Sprache und Rede vermengt. (S-DuG 187)

Insofern betrifft die Gebrauchstheorie der Sprache nicht die Rede, aber sie bleibt trivial und sagt nicht mehr als die volkstümliche Rede vom Sprachgebrauch. Nicht trivial ist freilich die Unterscheidung des sinnvollen Sprachgebrauchs vom Missbrauch der Sprache (z.B. durch Sprachverhunzung, Blödeleien, Missgriffe eines Sprachunkundigen), aber gerade dazu ist die Gebrauchstheorie nicht in der Lage, denn sie setzt ja Bedeutung (ist gleich) Gebrauch oder Verhalten, und Missbrauch ist so gut Gebrauch wie sinnvoller Gebrauch. (S-NGdE 242)

  • Bedeutung = Gebrauch = Verhalten
  • aber: dann ist Gebrauch von Missbrauch nicht zu unterscheiden

Sprache, Satz, Spruch

Eine Sprache besteht aus Sätzen. Ein Satz ist eine Regel zur Erzeugung von Sprüchen. (S-DRdN 211)

Sprache und Rede

Gegen Wittgensteins Aussage: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."

In der Sprache wird nicht gesprochen und daher nichts gebraucht; mit der Sprache wird geredet, und diese Rede wird zu allerlei Zwecken, u.a. zur Verständigung mit anderen, gebraucht. Die Bedeutung von Worten und anderen sprachlichen Ausdrücken gehört zur Sprache, nicht zur Rede, und hat daher mit Gebrauch nichts zu tun. Wohl kann man, wenn man die Sprache kennen lernen will, ihr System aus dem beobachteten Gebrauch in der Rede erschließen, aber der Könner, der die Sprache gelernt hat oder von Kind auf in sie hineingewachsen ist, hat das nicht nötig, sondern er ist entweder in sie als Muttersprache mit seiner persönlichen Situation eingepflanzt (implantiert) oder er kann in diese Situation leicht hineinschlüpfen, wenn er eine Fremdsprache beherrscht. (S-Weg 584f)

Analogie von Sprache und Rede:

  • Sprache als Wasserbecken in dem ich mich treiben lasse. Wasser ist nicht greifbar.
  • Rede als Spucken von Wasser aus dem Mund. Spucken als vertikale Explikation als Tätigkeit.

Siehe: Rede und Sprache

Sprache und Denken

Es wird deutlich, wie Sprachstruktur und Denkstruktur einander stützen und bestätigen können. (RE-SuS 211)

Siehe: Denken und Sprache

Sprache und Leib

Insofern gleicht die Sprache dem motorischen Körperschema bei der zweckmäßigen Führung willkürlicher und unwillkürlicher Körperbewegungen ohne Entgleiten in die Apraxie. Ich habe diesen Typ von Mannigfaltigkeit als diffus chaotisch-mannigfaltig bezeichnet, ... (S-DRdN 213f)

Siehe: Aufstellung als transverbale Sprache, Intuitive Erfassung von Regeln

Sprache und Welt

[N]icht die Worte der Sprache vermitteln uns das Verständnis der Welt, sondern unsere individuelle Orientierung in der Welt vermittelt uns das Verständnis der Worte und Sätze. (FM-BKS3 243)

Sprachabhängigkeit

Ich habe gezeigt, dass vielmehr Individuen (d.h. einzelne Sachen, die keine Fälle von sich haben) abstrakte, sprachabhängige Objekte und statt ihrer Situationen, solange sie ganzheitlich, aber nicht einzeln sind, mit ihrer binnendiffusen Bedeutsamkeit konkret (unabhängig von Sprache) sind. (S-LU 66)

Sprachabhängig Sprachunabhängig
abstrakte Objekte konkrete Objekte
Individuen Situationen
D+E: Dingontologie, Ereignisontologie F: Situationsontologie

Das primäre Weltverhältnis ist daher wie bei den Tieren durch Gefühle (Gefühlsprimat), nicht durch Sprache.

Es gibt Sachverhalte als vorsprachliche Gegenstände.

Siehe: Sprachabhängige Ontologien

Unzulänglichkeit der Sprache

Sprachfreie Probleme

Probleme können, wenn sie einzeln sind, in Fragen ausgedrückt werden; oft sind sie aber sprachfrei, ja dem Sprechen unzugänglich, in chaotischer Mannigfaltigkeit versenkt, wie die undurchschauten Konflikte der Neurotiker, die der Psychoanalytiker in die Form der Einzelheit zu überführen sucht, um sie sprachlich bearbeiten zu können;... (S-LU 37)

Verführungen der Sprachtypen

Subjekt: Möglichkeit oder Zwang

In der deutschen Sprache und auch in den meisten Sprachen der indoeuropäischen Sprachfamilie gibt es einen weitgehenden Zwang zum Subjekt, während die chinesische und japanische Sprache vielmehr die Möglichkeit besitzen, ein Subjekt im Satz zu spezifizieren. Das heißt, wenn der zum Ausdruck gebrachte Sachverhalt kein Subjekt erfordert, muss kein Subjekt bestimmt werden, wenn es aber für notwendig erachtet wird, kann es bestimmt werden. (RE-SuS 206)

Subjektlose Sätze, also Sätze bei denen es z.B. nur ein Verb gibt, gibt es z.B. in folgenden Sprachen:

  • Chinesischen
  • Japanischen
  • Hopi-Sprache

Subjektlose Sätze im Deutschen

Im 19. Jahrhundert fand in der deutschen Sprache eine längere Debatte über subjektlose Sätze und Urteile statt, die heute fast ganz in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie für die Philosophie Heideggers und für die gerade verhandelte Fragestellung von besonderer Bedeutung ist. (RE-SuS 206)

Inzwischen scheinen auch europäische Philosophen die Ebene der "subjektlosen Sätze" für ihr Denken fruchtbar zu machen, was vielleicht auch erklären mag, warum sich z.B. Nietzsche und Heidegger in Ostasien so großer Beliebtheit erfreuen. (RE-SuS 212)

Subjekt, Prädikat, Objekt

Die indogermanische Syntax verführt z.B. dazu, die Welt als ein Geflecht von Substanzen, die durch kausale Beziehungen verbunden sind, aufzufassen. (S-WNP 364)

Die Berufung auf ein angeblich normale Sprache genügt nicht. Abgesehen davon, dass die Alltagssprache in nicht geringem Umfang "gesunkenes Kulturgut" früherer philosophischer Prägungen ist, über jede Sprache durch ihre Syntax und ihren Wortschatz bestimmte Suggestionen aus, die einer Auszeichung als normal im Wege stehen. Es handelt sich z.B. um die Formen von Subjekt und Prädikat, Subjekt und Objekt (Nominativ und Akkusativ), die dazu verführen, Relationen für selbstverständlich zu halten und sich über ihre Ablösung aus komplexen, gleichermaßen von mehreren Seiten ablesbaren Verhältnissen keine Gedanken zu machen, ferne dazu, alles für identisch und einzeln zu halten, als Gegenstand möglicher Aussagen. (S-DWdeP2 608)

Geschehensprozesse ohne Subjekt und Objekt

Die Möglichkeit, das Subjekt und das Objekt einfach wegzulassen und nur den Vorgang als Geschehen - oder das "Tun" - zu benennen, wie es im Chinesischen möglich ist, lässt bestimmte Phänomene, vor allem Naturerscheinungen und sinnliche Vorgänge, eindringlicher und lebendiger vor Augen treten. Im wesentlichen die die beiden genannten Phänomenfelder wesentlich subjektlos im grammatischen und bei genauerer Betrachtung sogar im philosophischen Sinne, da es sich um Geschehensprozesse handelt, die vor jeder Idealisierung sich jenseits der Subjekt-Objekt-Trennung vollziehen und in denen "ich" selbst auch nur ein Moment im Gesamtvollzug bin. (RE-SuS 210)

Prädikat und Situation als Basis

Wir wissen, dass ein sogenannter Gedanke oder ein Satz nichts weiter ist als die Richtung unserer Aufmerksamkeit auf irgendeinen Sinneseindruck, sei es ein neuer Sinneseindruck oder die Vorstellung oder Erinnerung uns wohlbekannter Eindrücke. Dieser psychologische Vorgang ergibt dass - um es zu wiederholen - das Prädikat eines Satzes, das Ausgesagte, das Prädizierte auch allein das Aussagenswerte, das Sprechenswerte ist, dass das Subjekt das Selbstverständliche ist, das in den Urzeiten der Sprache gewiss noch gar nicht gesagt wurde. Das Subjekt, das jetzt für das Hauptwort, für die Hauptsache gilt, muss eine jüngere Erfindung gewesen sein, es ist ein Parvenu. (FM-BKS3 253)

Wir haben gelernt, dass alle Worte auf metaphorischem Wege aus solchen allgemeinen hinweisenden Prädikaten entstanden sein müssen, das Dingwörter und Zeitwörter, dass die Kategorien der Sprache bis hinab zu den umfassenden Konjunktionen, dass sogar die Tonfärbungen der Frage, des Befehls, der Bitte usw. metaphorisch sich ausbreiten, dass noch in der "hochentwickelten" Sprache die Situation es ist - wenn auch längst nicht mehr allein die gegenwärtige Situation - welche den Sinn des einzelnen Wortes erklärt. Die Worte sind vieldeutig; eindeutig werden sie durch die Einheit der Seelensituation im Sprechenden und Hörenden, soweit da eine Einheit herzustellen ist. (FM-BKS3 243)

Wäre das Prädikat alleine ausgesprochen worden, der Schuldner hätte sich das psychologische Subjekt schon hinzugedacht. (FM-BKS3 229)

Immer ist es die Situation, welche das psychologische Prädikat erst erklärt. (FM-BKS3 229)

Prinzipiell wäre auch in der deutschen Sprache ein Sprachgebrauch möglich, der das situative Geschehen in den Vordergrund rückt, wie die Debatte über impersonale Urteile und subjektlose Sätze in der Logik zeigt. (RE-SuS 211)

Siehe: Geschehen

Aktiv, Passiv und Medium

Unsere Sprache macht es uns allerdings schwer, diesen ganz schlichten Tatbestand [der vorausgesetzten Subjekt-Objekt-Einheit in der Wahrnehmung] zu formulieren, weil sie uns dazu zwingt, jedes Geschehen mit Hilfe von Verben im Aktiv oder Passiv als ein Tun oder Leiden auszugeben, wodurch sich der Unterschied zwischen Akt und Gegenstand der Wahrnehmung als etwas ganz Selbstverständliches und vom Sprecher jeweils schon Zugegebenes aufzudrängen scheint. (S-Sub 8)

Indem die deutsche Sprache beim Modus der Verben nur zwischen „aktiv“ und „passiv“ unterscheidet, bleibt die Möglichkeit, ein Geschehen im Sinne der grammatischen Form des „Mediums“ zu verstehen, oft unbemerkt. In der Form des Mediums sind Subjekt und Objekt gleichermaßen aktiv und passiv, so dass sich hier eine Vollzugsform andeutet, die aus der gewöhnlichen Dichotomie von aktiv und passiv herausführt. (Rolf Elberfeld)

Quelle: [1]

Siehe:

Sprache ohne Namen

In einer Sprache ohne Namen, die mit Verben im Infinitiv, Adverbien und einem kompliziertem System von Adverbialsuffixen sowie Satzverbindungen auskäme, könnte alles gesagt werden, was wir in unserer Sprache an Sachverhalten, Programmen und Problemen darstellen können, aber von keiner einzelnen anderen Sache wäre dabei die Rede; unsere impersonale Konstruktionen wie "Es regnet" oder "Hier ist gut sein" geben eine Ahnung von der Möglichkeit einer solchen Sprache, mehr noch die grönländische Sprache, wie Finck sie geschildert hat. (S-BW 47)

Es lässt sich nämlich eine fiktive Sprache ausdenken, die nur aus Verben im Infinitiv und Adverbien mit einem die Grammatik regelnden System von Adverbialsuffixen sowie satzbildenden Partikeln (wie "nicht", "und", "weil") bestünde und in dem Sinn gleich ausdrucksstark wie die unsrige wäre, dass sie für dieselben Sachverhalte, Programme und Probleme, insbesondere also für dieselben Tatsachen, mögliche Aussagen zur Verfügung stellte. (S-WieP 19)

Eine Sprache ohne Namen, die sich auf Infinitive, Adverbien mit einem reich entwickelten Anhang von Adverbialsuffixen zur grammatischen Steuerung und satzbildende Operatoren (der Negation, Satzverknüpfung, Quantifizierung und Modalität) beschränkte, könnte ebenso elegant, bequem und ausdrucksfähig wie die unsrige sein, aber ihre Einzelwesen wären:

In einer solchen Sprache würde

Das zum Sprechen dieser Sprache gehörige Denken wäre

  • nicht diskursiv,
  • sondern müsste von einem ganzheitlichen Geschehen her differenzieren und nuancieren.
Weil wir das nicht können, bleibt eine solche Sprache uns versagt. Die grönländische Sprache scheint aber in diese Richtung zu tendieren. (S-DWdeP2 620)

Idealtypus der Sprache ohne Namen:

  • ohne Namen
  • nur mit Verben im Infinitiv
    • keine personale Konjugation: z.B. Japanisch
    • keine Tempi: Vergangenheit/Zukunft
    • keine Modi: Aktiv/Passiv
  • Sätze um einen zentralen Vorgangsausdruck herum gebaut: S->O->[P]
    • Prädikatlogisch: z.B. Japanisch
  • Adverbien, Adverbialsuffixe: adverbiale statt nominale Äquivalente
  • Konjunktionen zur Sätzeverbindung

Beispiele auf Deutsch:

  • Es regnet
  • Hier lässt sich's leben
  • Hier ist gut sein

Beispiele auf Japanisch:

  • liebend sein (愛してる)
  • essend sein (食べてる)

Siehe: Nominalismus als Behauptung es gibt nur konkrete Objekte keine Namen

Sprachtypen

Objekt-, Subjekt- und Toposprache

Objekt Subjekt Toposprache.png

Logo- und Topo-Sprache

Indoeuropäische Sprachen werden in der Linguistik als "subjekt-promiment" und ostasiatische Sprachen (z.B. Chinesisch und Japanisch) als "topik-prominent" bezeichnet. Dementsprechend wird in indoeuropäischen Sprache die Prädikationsstruktur vorrangig verwendet und im Chinesischen die Toposstruktur. (RE-SuS 214)

Logo-Sprache
Horizontale Sprache
Topo-Sprache
Vertikale Sprache
Einzelwesen Körper, Personen, Farben, Geräusche Sachverhalte, Programme, Probleme
Dargestelltes Beziehungen einer Sache zu anderen Sachen komplexe Verhältnisse vor der Aufspaltung in Relationen
Geschehen Tun oder Leiden (Aktiv oder Passiv) Medialer Geschehenshintergrund
Beispiel Ich liebe dich.png Aishiteru.png
Objekte abstrakte Objekte: Dinge mit Namen (je nach Sprache unterschiedlich) konkrete Objekte: Situationen
Denken
  • diskursiv
  • analytisch
  • von einem ganzheitlichen Geschehen her nuancierend
  • hermeneutisch, situativ
  • subjektoffene Geschehensqualität
  • subjektlose Geschehensweisen
  • subjektloses ereignishaftes Geschehen
Sprachen Indoeuropäische Sprachen Japanisch, Grönländisch
Wortdominanz Subjekt dominiert Verb dominiert, und kann vollständigen Satz bilden
Unterschiede
  • Prädikationsstruktur
  • subjekt-prominent
  • Subjekt-Prädikat-Sätze
  • Lexis (Wort) und Logos (Satz)
  • Gebrauch logischer Kategorien und Bezeichnungen
  • Subjektorientiert
  • Satzinterne Grammatik
  • Toposstruktur
  • topik-prominent
  • Thema/Rhema-Sätze
  • Topos (Situation als Ganzes)
  • Wiedergabe von Eindrücken
  • Prädikat-/ Kontextorientiert
  • Kontextorientierte Pragmatik

Siehe: Logo-Topo, Denktypen

Vergleich: Deutsch, Japanisch, Grönländisch

Deutsch Japanisch Grönländisch
Thema/ Subjekt/ Objekt/ Prädikat [S] <- P <- O T/S -> O -> [P] [P + (T/S)+(O)]
Primäre Verb-Konjugation: Person und Numerus primäre Konjugation: 1.-3. Person, Singular + Plural (wie in allen indogermanischen Sprachen) keine primäre Konjugation: keine Person und kein Numerus primäre Konjugation: 1.-3. Person + 3. Person reflexiv, Singular + Plural
Namen reichlich reichlich (aber beliebig auslassbar) wenig (im Verb als Suffix enthalten), Nominal-Inkorporation
  • Möglicher Verlust der Subjekt-Dominanz im Satz:
    • durch (Nominal-)Inkorporation des Nomens an das Verb, z.B. bei polysynthetischen Sprachen (bsp. Grönländisch)
    • oder fehlendes Subjekt bzw. Thema statt Subjekt und fehlende Konjugation des Verbs (bsp. Japanisch)

Wichtigkeit von Subjekt, Objekt, Prädikat und Mittel

Deutsch Japanisch.png

Grönländisch

Dabei handelt es sich um eine Sprache, die Vorgänge wie die Tötung eines Menschen nicht als Beziehung eines Subjektes (des Töters) zu einem Objekt (dem Getöteten) ausdrückt, sondern durch ein Vorgangswort im Infinitiv als ein Geschehen, das durch adverbiale Zusätze, die auch über die aktive und die passive Rolle Beteiligter Auskunft geben, näher bestimmt wird. Dem entspricht graphisch die Darstellung eines Zustandes oder Ereignisses durch ein Bild oder Diagramm, das mit einem Schlage ohne Durchlaufen aufgefasst werden soll, in der Weise von Robert Fludd. Dann erübrigt sich die Auszeichnung einzelner Referentien und Relate nach Art von Nägeln oder Haken, zwischen denen eine Beziehung aufgespannt wird, als Anleitung, wie man durchlaufen soll. (S-JdN 374f)

Topo-Sprache als Verhältnissprache

Wenn man ... das grönländische Formulierungskonzept auf die Spitze treibt, kommt man zum Idealtypus einer noch nicht ausgebildeten Sprache, in der alle Sachverhalte, Programme und Probleme, die wir mit unserer Sprache darzustellen vermögen, mit einem Wörtervorrat umformuliert werden könnten, der nur aus Infinitiven, Adverbien, einem zur Regelung aller grammatischen Zusammenhänge fein differenzierten System von Adverbialsuffixen und Konjunktionen bestünde. Kein einziger Name für einen Gegenstand käme in den Sätzen dieser Sprache vor; diese Bestimmung von etwas als Träger von Bestimmungen wäre nicht vorgesehen, so dass Substantive, Adjektive, flektierte Verben, Aktiv- und Passivformen nicht zu brauchen wären. Und doch wäre die Sprache so leistungsfähig wie die unsrige, weil sie für jede Bedeutung eine Übersetzung anzubieten hätte, freilich manchmal mit einer Sinnverschiebung, weil z.B. Tun und Leiden nicht mehr zum Ausdruck kämen. Dafür würde anderes, z.B. die nicht durch Zusammensetzung einholbare Ganzheit des Geschehens, besser zum Ausdruck kommen. Dass diese Idealsprache ohne Namen in so hohem Maße der unsrigen ebenbürtig ist, geht darauf zurück, dass es sich um eine reine Verhältnissprache handeln würde, die nur ungespaltene Verhältnisse thematisiert, während wir Verhältnisse in Beziehungen spalten, weil wir nur diskursiv denken können. (S-PdZ 41f)

Das Gedankenexperiment mit der namenlosen (anonymen) Sprache weist auf eine solche Möglichkeit hin. In dieser Sprache könnte nur noch ein Geschehen ohne Teilnehmer dargestellt werden, z.B. Vorfindungen ohne Vorfindenden und Vorgefundenes nach Avenarius; was aber widerspruchsfrei dargestellt werden kann - nichts spricht für das Gegenteil -, muss als möglich zugelassen werden. (S-PdZ 42)

Sprache und Intentionalität

Neben der Betonung leiblicher Kommunikation verweist Schmitz auch immer wieder darauf, dass die Sprache uns die Annahme intentionaler Strukturen suggeriert, obwohl sie dem Vorgang vollkommen äußerlich ist. (A-SdE 261f)

Man kann sich darüber wundern, wie die im Grunde billige und triviale sprachliche Gelegenheit, mit der Rede von einem Bewußtsein die von einem Gegenstand dieses Bewußtseins zu verbinden, als sicherer und fruchtbarer Leitfaden wissenschaftlicher Forschung ausgegeben werden konnte. Unsere Sprache legt es uns nahe,

  • jede Freude als Freude über etwas,
  • jeden Haß als Haß gegen etwas,
  • jedes Wollen als Wollen eines Ziels,
  • jeden Gedanken als Gedanken an etwas,
  • jede Erwartung als Erwartung von etwas

u. dgl. mehr zu verstehen; diese sprachliche Bequemlichkeit hängt mit dem Unterschied des Aktivs und des Passivs in den indogermanischen Sprachen zusammen. (S-Sub 2)

Die in unsere Sprachen eingelassene Unterscheidung von Aktiv und Passiv erschwert es, so die Argumentation von Schmitz, Wahrnehmungen unabhängig vom aktiven oder passiven Subjekt thematisieren zu können. Die Formulierung eines passiven und anonymen Wahrnehmungsvorgangs, indem nicht bereits die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, von Wahrnehmendem und Wahrzunehmendem vorausgesetzt ist, ist nicht so naheliegend. Viel eher geben wir die Ereignisse als ein Tun oder Erleiden, im Aktiv oder Passiv an, so dass der Unterschied zwischen dem Wahrnehmungsakt un dem, worauf die Wahrnehmung sich richtig, bereits vorausgesetzt wird. (A-SdE 262)

Solche grammatische Suggestion darf aber nicht den Umstand verdecken, daß z.B. bei schlichter optischer Wahrnehmung außer dem optisch dargeboteten Gehalt nicht auch noch ein davon verschiedenes Sehen als Bewußtsein dieses Gehalts vorzufinden ist. (S-Sub 8)

Die Kritik der Intentionalität ist immer auch eine Auseinandersetzung mit den sprachlichen Strukturen der Bindung vorpersonaler Ereignisse an personale Strukturen der Aktivität und der Passivität eines transzendentalen Subjekts. (A-SdE 262)

Sprachkritik

Typen der Sprachkritik

historistisch und sprachvergleichende Sprachkritik

  • Humboldt-Whorf-Hypothese

objektive Sprachkritik

Die Auffassung der Sprache als menschlicher Zugang zur Welt, Überstieg des Subjekts zum Objekt als dem Gegebenen, ist [Aristoteles] ihm fremd. Seine Reflexion auf die Sprache ist, nach einer glücklichen Wendung von Georg Lohmann, "objektiv-sprachkritisch". Sie wurzelt in der konvergenten Metaphorik der Bedeutungen oder Sinne, die er am Sein des Seienden abliest. (S-DWdeP1 261)

Geschichte der Sprachkritik

Aristoteles

Den größten Dienst, den Aristoteles der philosophischen Nachwelt durch die konvergente Metaphorik des Seienden geleistet hat, besteht in der Weckung kritischer Wachsamkeit gegen die Sprache und ihre ontologische Suggestionen. Das Tor zur Sprachkritik hat er bereits durch die Kategorienlehre aufgestoßen, indem er die Aussage nicht mehr als Abbildung, sondern als Antwort auf Fragen versteht. Die Frage hat ein lockeres Verhältnis zum Gegebenen als das Abbild; daher gibt die Kategorienlehre Aristoteles die Chance, die Rede aus der Fesselung an das Vorliegende so weit abzuheben, dass die Sprache zum Gegenstand kritischer Besinnung auf ihre vielleicht zweideutige Rolle für das Erkennen werden kann. (S-DWdeP1 258)

Man muss sich davor hüten, dem Aristoteles mit der herrschenden Meinung naive Sprachgläubigkeit zuzutrauen. Aber allerdings ist die Sprachkritik des Aristoteles nicht, wie meist die moderne, historistisch und sprachvergleichend orientiert, an der Vermutung, dass verschiedene Sprachen entsprechend verschiedene Weltbilder prägen (Humboldt-Whorf-Hypothese). (S-DWdeP1 261)

Zitate

Wie soll unsere Sprache, die eine Subjekt- und Objektsprache ist, etwas erfassen, was sich jenseits solcher Bezüge ereignet? (H-PS 182)

Unter uns (das heißt in der europäischen Kultur) wird Sprache auf unbesonnene Art und Weise benutzt; wir sprechen die ganze Zeit und stellen über vieles Fragen. Dies ist kein allgemeiner Zustand. Es gibt Kulturen ..., die eher geizig mit der Sprache umgehen. Sie glauben nicht, Sprache könne wahllos benutzt werden, sondern sei nur im gewissen Rahmen und sparsam zu gebrauchen!" (Lévi-Strauss, Structural Anthropology, engl. Übersetzung, Doublday Anchor Book, New York 1967, S.67. Zit.n.: TI-PZB 67)

Verweise