Körper

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Deutsch: dimensionaler Körper | Englisch: body, dimensional body | Japanisch: 体 (karada)

Herkunft

‚Körper’ leitet sich vom lateinischen ‚corpus’ ab, das im Mittelalter das ältere ‚lîch’ ersetzt und sich auf den lebendigen oder toten Körper bezieht. Die Bedeutung des Wortes ist demnach eine mehr instrumentelle.

Körper als entfremdeter gestörter Leib

Als Körper hingegen zeigt sich der Leib primär in den Störungen des gewohnten Lebensvollzugs, etwas bei einer Ungeschicklichkeit oder einem plötzlichen Sturz, bei einem schmerzhaft-überlauten Geräusch oder einer Verletzung, in Zuständen der Erschöpfung, des Missbefindens oder der Krankheit. Es sind solche Erfahrungen, in denen sich der Leib uns gewissermaßen entfremdet, nicht zuletzt aber die Erfahrung des toten Körpers, die seine medizinische Erforschung motiviert haben, und die schließlich aller naturwissenschaftlichen Vergegenständlichung des Leibes zugrundeliegen. Körper ist der Mensch damit als Gesamtheit materiell-anatomischer Strukturen und physiologischer Prozesse, die sich insbesondere aus der medizinischen Fremdperspektive objektivieren lassen. (F-DG 100)

Der Körper wird als Unterlegenes, Versklavtes noch einmal verhöhnt und gestoßen und zugleich als das Verbotene, Verdinglichte, Entfremdete begehrt. Der Körper ist nicht wieder zurückzuverwandeln in den Leib. ... Er bleibt die Leiche, auch wenn er noch so ertüchtigt wird. (Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1988, S. 247f)

Körper ist nicht alles

Die Bezeichnung des menschlichen Körpers als Ding führte dazu, neben dem Körper noch etwas anderes anzunehmen, da sich Personen nicht identisch mit ihrem Körper erleben. Hier gab es wesentlich zwei Entwürfe:

Körper und Organismus

Körper = Organismus = Subjekt von Lebensäußerungen

  • ganzheitlich
  • unteilbare Ausdehnung

Im Unterschied zum Leib ist der Körper nicht als Maschine zu verstehen, sondern primär als ganzheitlicher, unteilbarer Organismus im dimensionalen Raum. Er ist ebenso ganzheitlich und unteilbar wie der Leib.

Siehe dazu die systemische Wende im Verständnis von Körper als Organismus.

Der Körper ist ein lebendi­ger Orga­nismus, d.h. ein unteilbares und gleich­wohl im Raum ausgedehntes Funkti­onsgan­zes. Trotz der Vielheit seiner materiellen Teile bildet er eine dynamische Einheit, die sich durch fortwährende Selbstreproduktion selbst erhält, sich von den Zerfallsprozessen der anorganischen Natur abgrenzt und doch zugleich durch semipermeable Grenzflächen und Stoffwechsel­prozesse mit der Umwelt verbunden ist. Erst mit dem Tod zerfällt der Or­ganismus wie­der in seine materiellen Bestandteile. (F-VHd)

Der Organismus ist ein Subjekt von Lebensäußerungen, seien es passive Regungen wie Lust, Schmerz, Hunger oder Angst, seien es eher aktive Tätigkeiten wie Denken, Wahrnehmen, Sich-Bewegen, Denken und andere Verhaltensweisen. (F-VHd)

Wenn wir dagegen den menschlichen Körper als Organismus betrachten, befinden wir uns schon auf einer Kreuzung und Schnittstelle: der Schnittstelle zwischen physischer Körperlichkeit und intentionaler Leiblichkeit. Denn das organische Leben ist nicht einfach nur eine physikalisch mobile Struktur; es befindet sich und spürt sich (wie rudimentär auch immer). (Schärtl in AdL 71)

Dualismus von Körper und Körper

Der rätselhafte Dualismus aller (neben Körper-Psyche, und Leib-Körper) ist der zwischen:

Sinnfälliger Körper

Körper als ein Ding in der Wahrnehmung, der sinnfällige Körper: ausgestattet mit Charakter und Gesicht (zwei impressiven Situationen, die zuständlich bzw. aktuell sind), mit Bewegungssuggestionen (Gestaltverläufen) und synästhetischen Charakteren, mit Halbdingen wie Blick und Stimme, mit partiellen Situationen, die authentische Eigenschaften sind, usw. (Vgl: S-WNP 410)

Der sinnfällige Körper ist leibnah und dem Leib verwandt durch leibliche Kommunikation vom Typ der Einleibung über die Brückenqualitäten der Bewegungssuggestionen und synästhetischen Charaktere, d.h. über Strukturen leiblicher Dynamik und leibartiger Räumlichkeit, in denen sich alle Wahrnehmung vollzieht, während physiologische Prozesse in den Sinnesorgan oder im Gehirn nur ihre obligate "Begleitmusik" sind. (S-WNP 410f)

Körper im Sinne der Naturwissenschaft

Eine Sammlung von Daten, die auf der reduktionistischen Abstraktionsbasis der Physik erhoben und durch theoretische Terme (intervenierende Variable) so ergänzt werden, dass Theorien aufgestellt werden können, die sich bei der Prognose bewähren. (Vgl: S-WNP 410)

Die durch theoretische Konstrukte ergänzten Sammlung von Messdaten, die mit Apparaten erhoben werden, die nach physikalischen Theorien, die mir ihrer Hilfe erst noch bestätigt werden sollen, konstruiert sind. (S-WNP 175)

Der naturwissenschaftliche Körper ist ein vielfach bewährtes und immer noch verbesserungsfähiges Konstrukt, das in erster Linie dazu dient, vertrauenswürdige Prognosen zu liefern, an denen sich menschliches Tun und Lassen, z.B. im Fortschritt der Technik, aber auch durch Zurückhaltung vor Gefahren, orientieren kann. Diese Rechtfertigung geschieht durch Statistik, und auf Statistik sollte sich das Fahnen nach Zusammenhängen mit dem Leib, sofern es wissenschaftlich gestützt werden kann, beschränken. (S-L 144)

Der Körper im Verhältnis zum Leib

Der Körper ist nicht wieder zurückzuverwandeln in den Leib. (Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 248, nach B-Ethik 140)

Der physische Körper ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Lebendigkeit. (MU-DLGG 184)

Siehe auch: Personales Verhältnis von Leib und Körper, Leib-Körper-Problem

Possessive Körper-Rede: mein Körper

Mit der possessiven Körper-Rede handelt man sich, solange sie nicht eine Ergänzung findet, also gleich drei Probleme ein:

  • Erstens kann man keinen Ort markieren, von dem aus man den Besitzanspruch auf den Körper realisieren könnte,
  • weswegen zweitens der paradoxe Ausweg gewählt wird, es in einem Nicht-Ort zu situieren, womit das Problem des Kausalnexus' zwischen Körper und Ich - Leib-Seele-Problem - auftaucht und schließlich
  • drittens und unbesehen der beiden erstgenannten Punkte auf diese Art ein zutiefst unbefriedigendes Menschenbild generiert wird. (AB-BuB 71)

Körper als Phasensortal

Als Phasensortal gehört er [der Körper] in die komplexe Realisationsweise von Personen. (Schärtl in AdL 73)

Denn Körper sind physische Gebilde, die nur Außenrelationen haben und keine eigentliche Innenwelt besitzen. Eigentlich müsste man noch radikaler sein und sagen: Körper sind nur Phasensortale, eigentlich abstrakte Gebilde, um einer Ansammlung von Teilen den Status einer Quasi-Ganzheit zu verschaffen. Den rein physiologischen und biologischen Körper - provokativ formuliert - gibt es eigentlich nicht, weil seine Identitätskriterien diffus sind. (Schärtl in AdL 71)

[W]enn man den Körper als Phasensortal versteht, das dazu da ist, einem bestimmten, nämlich unter bestimmter Rücksicht betrachteten Arrangement von Teilen und Eigenschaften einen namen über eine bestimmte Zeitdauer hinweg zu geben, wenn man - was wir "Seele" und "Körper" zu nennen gewöhnt sind - eher als unechte, weil auf artifiziellen Abstraktionsvorgängen aufruhende Entitäten zu denken bereit ist, dann gibt es das Raketenstufenproblem nicht mehr. (Schärtl in AdL 76)