Dualismus

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Historie

Der seit Demokrit formulierte Dualismus zeigt sich in verschiedene Gegensatzpaaren der Philosophie:

haltlose Bewegtheit stabile Invariante
Körper (als Phasensortal) Psyche/Seele/Geist
Stoff Form
Außen Innen
An-Sich-Sein, als Sein der im Raum sich erstreckender Gegenstände [MP-PdW 401] Für-Sich-Sein, als Sein des Bewusstseins. [MP-PdW 401]

Dieser Dualismus wird in der Neuen Phänomenologie durch die Ontologie der Situation aufgehoben, auf die sich die Topologie mit der Lehre von Orten und Feldern bezieht.

Typen des Dualismus

Anthropologischer Dualismus

Körper/Leib Seele
Gefühle Verstand

Obschon durch Plotin und Augustinus massiv verschärft, scheint ein gewisser skeptischer Vorbehalt gegenüber der Sinnlichkeit von Anbeginn an in die abendländische Tradition eingeschrieben zu sein. Trotzvielfältiger Unterschiede und Abstufungen bei den jeweiligen Denkern werden Emotionen der Sphäre des Leibes zugerechnet und gelten demzufolge als Signalsysteme einer Verstrickung in die empirische Welt, von der wir uns -im Zuge der propagierten Erkenntnisprozesse - möglichst weitgehend und für manche auch bedingungslos lösen müssen. Maßgeblich ist die allgemeine, formgebende Sphäre der Ideen bzw. des Geistes. Wer hier hineinfinden will, sollte sich vom raum-zeitlich Beschränkten tunlichst unabhängig machen. Anders formuliert: Wer als Erkennender die Vielfalt der tatsächlichen Welt durchquert, weil er hinter den flüchtigen und wechselnden Erscheinungsformen dem wahren Wesen einer Sache näherzukommen sucht, muss von allem begehrlichen Wünschen und Wollen unbehindert sein. Er sollte es deshalb lernen, seine Affekte, die als Einfallstor des Egoismus gelten, zu besiegen oder wenigstens doch rational und souverän mit ihnen umzugehen verstehen. (HBV-MGD 98)

{{c|Schon der platonische Dialog Alkibiades I definiere den Leib als das zu Gebrauchende, während die Seele, das Selbst des Menschen, als die "inhaltsleere Instanz des Gebrauchenden" bestimmt werde. Da, wo es in der Selbstsorgen auch um die leiblichen Belange gehe, regiere die Haltung, den Leib "wohl oder übel" in seiner ungebärdigen Selbsttätigkeit anerkennen zu müssen. Doch diese Anerkennung steht nach Böhme im Zeichen einer Haltung, die den Leib als Eigentum behandelt und ihn gerade dadurch zu etwas Fremden werden lässt. (Vgl.: Gernot Böhme, 2003, 362|HBV-MGD 99]]

Platons Anthropologie diente dem Bemühen, den Körper durch die Seele zu beherrschen. Der noos sollte als Herr die beiden sterblichen unteren Seelenanteile (Herz und Bauch mit Geschlechtsteilen) abspalten und möglichst ruhigstellen. Das Herz übte die Kontrolle über den unteren Teil aus, damit er sich nicht verselbständigen und die oberen Kreise stören konnte. Vergleicht man dieses System mit dem hindu-balischen, so steht der platonischen Intention des Trennens von Körper und Seele, Tier und Gott, unterem und oberem Körperteil die tantrische Absicht des Vereinens von siva und sakti, der polaren Prinzipien von Sonne und Mond, des unteren und des oberen Leibeszentrums entgegen. (GR-AL 375)

Platon spaltete mit seinem Körper-Seele-Dualismus auch das Prinzip der umgekehrten Korrelation. Nicht mehr der lebensweltlich Bereich zwischen Fühlen und Denken bestimmte die Anthropologie und moralische Perspektive, sondern der Schwerpunkt wurde mit radikaler Hierarchisierung auf das Denken verschoben. Damit begann das, was sich als europäische "Intellektual-Kultur" (Schmitz) bezeichnen lässt. (GR-LS 360)

Antagonistische Einheit der aufsteigenden Mystik bei Platon:

Bei Platon verlief also die Bewegung von oben, wo die Wurzel befestigt war, nach unten. Ein Aufsteigen leiblicher Regungen durch vermehrte Kraft von unten ist bei ihm nicht vorgesehen. Statt dessen soll eine aufsteigende Bewegung der Seele durch die Trennung und Reinigung vom Körper erreicht werden, nicht durch eine Verschmelzung mit dem Leib. Diese sich durch Leibfeindlichkeit auszeichnende "aufsteigende Mystik" Platons wurde oben im Zusammenhang mit einem absteigenden, vom superioren Bereich der Ideen in die inferiore Welt des Werdens verlaufenden Verständnis von Verwandtschaft gebracht. (GR-AL 376)

Siehe: Leib-Seele Einheit, Trantraismus, Leib-Seele-Problem

Ontologischer Dualismus

Die Überwindung des Subjekt-Objekt-Dualismus (BB-MPK 284)

Methodischer Dualismus

Siehe: Aspektdualität

Aspektdualismus

Den zunächst naheliegend erscheinenden Begriff des "Aspektdualismus" werde ich vermeiden, da er für den auf Spinoza und Ernst Mach zurückgehenden, heute in der Identitätstheorie wieder aufgegriffenen psychophysischen Aspektdualismus reserviert ist. Danach sind mentale und materielle Prozesse bzw. Geist und Gehirn zwei Aspekte des gleichen, nicht noch einmal aspektunabhängig zu bezeichnenden Geschehens, ohne das eine zugrundeliegende Einheit des Lebewesens mitgedacht wird. Innen- und Außenperspektive, "res cogitans" und "res extensa" bleiben damit unvermittelt (...). Ich werde zur Abgrenzung im Folgenden vom "Doppelaspekt" oder von der "Aspektdualität" des Lebewesens bzw. der Person sprechen. (F-DG 106)

Dualismus als duales Verhältnis

Der Dualismus ist Ausdruck einer Theorie deren Grundbegriffe im dualen Verhältnis stehen. Im Unterschied dazu untersucht die Topologie topische Verhältnisse jenseits von einem dualistischem Verständnis.

Form und Stoff

Für Platon ist die Formung des Stoffes durch den Handwerker ein Leitmotiv, mit dem er sich die Übertragung der Ideen in die Sinnenwelt zurechtlegt. (S-WNP 358)

理 und 氣

Reduktionismus als Dualismus zwischen 理 und 氣 ..., wie ihn Zhu Xi (1130-1200) begründete. (GL-LoK 237)

Binäre Konstruktion der Wirklichkeit

Eine der Vorstellungen, mit denen wir uns in allem, was wir erfahren, denken, urteilen, tun und sind, stets konfrontiert sehen, ist die der binären Konstruktion der Wirklichkeit - des Dualismus. ... Der Nichtwiderspruchssatz des Aristoteles ist das grundlegende Prinzip unseres Denkens. (GS-W 361)

Einwände gegen die dualistische Ontologie

  • Menschliche Personen sind keine mit einem lebenden Körper vereinigte Wesen.
  • Es gibt keine materiellen Körper, denen das Lebendigsein bloß akzidentell wäre. (Vgl: Schark 99f)

Der einzelne Mensch tritt seiner sozialen Umgebung nicht so gegenüber wie der bloße Organismus der natürlichen Umwelt - als ein Inneres, das sich osmotisch von der Außenwelt abgrenzt. Das abstrakte Gegenüber von Subjekt und Objekt, Innen und Außen täuscht, weil sich der Organismus des Neugeborenen erst mit der Aufnahme sozialer Interaktionen zum Menschen bildet. Zur Person wird er mit dem Eintritt in den öffentlichen Raum einer sozialen Welt, die ihn mit offenen Armen erwartet. Und dieses Öffentliche des gemeinsam bewohnten Interieurs unserer Lebenswelt ist innen wie außen zugleich. (Habermas 2005: Zwischen Naturalismus und Religion, 18f. zit. n: AT-DvS 27)

In dieser Erfahrung sind mein Leib und die Welt nicht mehr Gegenstände, miteinander durch funktionelle Relationen verknüpft, wie die Physik sie feststellt. ... Die Welt, die ich habe , ist ein unvollendetes Individuum, und ich habe sie durch meinen Leib hindurch, der das Vermögen dieser Welt ist; ich verfüge über die Stellung der Gegenstände durch die meines Leibes und umgekehrt über dessen Stellung durch die der Gegenstände, nicht aber in der Art einer logischen Implikation und nach Art der Bestimmung einer unbekannten Größe durch deren objektive Verhältnisse zu bekannten Größen, sondern in einer wirklichen Implikation, insofern nämlich mein Leib Bewegung auf die Welt zu ist und die Welt der Stützpunkt meines Leibes. ... In eines damit, dass der Leib sich aus der objektiven Welt zurückzieht und als zwischen reinem Subjekt und Objekt eine dritte Seinsweise bildet, büßt das Subjekt selbst seine Reinheit und Transparenz ein. (MP-PdW 401)

Platons Anthropologie diente dem Bemühen, den Körper durch die Seele zu beherrschen. Der noos sollte als Herr die beiden sterblichen Seelenanteile (Herz und Bauch mit Geschlechtsteilen) abspalten und möglichst ruhigstellen. Das Herz übte die Kontrolle über den unteren Teil aus, damit er sich nicht verselbständigen und die oberen Kreise stören konnte. Vergleicht man dieses System mit dem hindu-balischen, so steht der platonischen Intention des Trennens von Körper und Seele, Tier und Gott, unterem und oberem Körperteil die tantrische Absicht des Vereinens von siva und sakti, der polaren Prinzipien von Sonne und Mond, des unteren und des oberen Leibeszentrums entgegen. (GR-AL 375)

Neuer Dualismus: subjektive und objektive Tatsachen

An dieser Stelle jetzt ein Versuch der Rechtfertigung für die Fassung der Neuen Phänomenologie als Neuer Dualismus: Der alte Dualismus operierte ontologisch mit einer Gegenüberstellung zweier Gegenstandsarten, dachte dabei meristisch und scheiterte zwangsläufig an der "metaphysischen" Frage nach ihrem Zusammenhang, angefangen mit den gottesbeweislichen Verrenkungen der Viktoriner bis hin zum eiertanzartigen Widerspruchsmanagement der analytischen Philosophie unserer Tage. Man vermochte aber nicht mehr und nicht weniger als die metaphysische Struktur einer fiktiven Komplexion darzulegen - eben die Innenansicht einer cartesischen Fiktion mit ihrem mittleren Jenseits (G. Günther). Der neue Dualismus dagegen scheint diesem metaphysik-philosophischen Dilemma entkommen zu sein. Die Zusammenhangsfrage kann in ihm nicht mehr in der alten substanztheoretischen Form gestellt werden, und zwar einfach deshalb nicht, weil dessen Ontologie von der dualistischen Grunddistribution von Gegenständen auf eine von Sachverhalten umgestellt wurde und erst hierüber die Explikation von "Wirklichkeit" zirkelfrei gelang. Gegenstände allerdings emergieren nun sekundär in diesem hologenetischen Ansatz aus chaotischen Mannigfaltigkeiten, genauer aus Situationen, die Sachverhalte enthalten, ganz ähnlich wie die Systeme aus dem unmarked space von Spencer Brown bei Luhmann. Der gemeinsame Nenner also des Neuen Dualismus mit dem alten ist die Ontologie als primäre Ebene, das unterscheidende Merkmal die je eigene dualistische Grunddistribution, beim einen Geist/Körper, beim anderen subjektive/objektive Tatsachen. Der Gewinn der Umstellung liegt m.E. nicht nur in der Rejektion von Scheinfragen der cartesischen Metaphysik, sondern in der praxeologisch so bedeutsamen Tatsache der nunmehr gegebenen Verschiedenheit der ontologischen Grenze. Dass man aber, wie ich meine, auch beim Neuen Dualismus überhaupt von einer ontologischen Perspektive ausgehen darf, sehe ich nicht nur durch Ingarden legitimiert, sondern insbesondere durch Heidegger, der schließlich die Frage nach dem Sein des Seienden nicht etwa falsch cartesisch als Metaphysik des Seienden, sondern als Fundamentalontologie begriff. (Matthias Hartmann: Leib und Gefühl. In: MG-LuG 227)

Überwindung des Dualismus

  • Leib jenseits des Körper-Psyche-Dualismus
  • Arzneimittel-Bild jenseits des Körper-Psyche-Dualismus

An der Dichotomie beider Ansätze [von Idealismus des Denkens und Materialismus des Körpers] hat sich über pragmatische und handlungstheoretische Ansätze bereits etwas geändert, doch fehlt diesen die Leibperspektive, durch die nochmals ein eigenes 'Licht' auf das Denken geworfen und der Dualismus vermieden werden kann. (GR-LS 325)