Naturwissenschaft

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Verdienst der Naturwissenschaft

Der Naturwissenschaft verdankt die Menschheit eine geradezu überwältigende Erweiterung ihres prognostischen Umblicks. Durch Experimente, Konstrukte und Berechnungen macht die Naturwissenschaft mit der Physik an der Spitze die Menschen darauf gefasst, was sie nach apparativen Eingriffen in das Geschehen, sei es zur Messung, sei es zur Manipulation, zu erwarten haben. Sie weist damit der modernen Maschinentechnik als der Kunst geregelten Zauberns den Weg, den die Zauberer früherer Zeiten mit ihren Beschwörungen nicht gefunden haben. (S-F 102)

Drei Säulen der Naturwissenschaft

... die drei Säulen des Verfahrens der modernen Naturwissenschaft -

Grenzen der Naturwissenschaft

  • Status der Gattungen: Ausgang sind einzelne messbare Merkmale und nicht die Situationen, aus denen sie expliziert werden
  • Modalzeit: Sie zieht nur das Seiende in Betracht aber nicht das Nochnichtseiende (Vgl.: S-GedW 123f)

Naturwissenschaft und Lebenswelt

Gemeinsame Paradigmen von Naturwissenschaft und Lebenswelt: Kasten Netz Kette Feld.png
Siehe: Naturwissenschaft und Lebenswelt

Naturwissenschaft und Phänomenologie der Natur

Methode.png

Naturwissenschaft Phänomenologie der Natur
Natur, die wir haben Natur, in der wir sind
Fremderfahrung Selbsterfahrung
Haben Darin-Sein
Körper Leib
Suche nach Ursachen und möglichst allgemeinen Naturgesetzen Goethes Farbenlehre: "Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre"
Erklärungen (Dreigliedrige Kausalität) Verzicht auf Erklärungen, oder nur mit zweigliedriger-kausaler Erklärung aus dem Phänomenalen (und nicht dem Nicht-Phänomenalen)
apparative Feststellung von Phänomenen: messbare Daten mit Apparaten. Von Anfang an die Intention, die menschliche Sinnlichkeit auszuschalten. Leibliches Spüren ohne Apparate
analytische Wahrnehmung ganzheitliche, typisierende Wahrnehmung

Die Natur der Naturwissenschaft

Für die Naturwissenschaft wird die Natur nur noch als Produkt der naturwissenschaftlichen Methode betrachtet.

Eigentlich ist die Naturwissenschaft nicht durch die Natur als Gegenstand bestimmt - wer kann schon sagen, was Natur ist, wo sie hingehört? -, sondern durch ihre Methode der schematischen Prognostizierbarkeit, zu deren Gunsten die Erfahrung reduktionistisch abgeschliffen wird (...); überall wo die Methode schematischer Prognostizierbarkeit erfolgreich angewendet wird, handelt es sich um Naturwissenschaft. (S-JdN 36)

Phänomenologisch gesehen wird jedoch nicht eine irgendwie ontologisch-objektiv vorhandene 'Natur' oder 'Materie' erschlossen, sondern diese wird zunächst - als Abstraktionsbasis - hergestellt. Dies geschieht, indem man den leiblichen Raum erkenntnistheoretisch von einem seiner Aspekte aus betrachtet, d.h. auf Messbarkeit bzw. Größe und Invarianz hin. Dabei, so muss betont werden, verändert man ihn gestaltkreishaft reduktiv. ... Die Umwandlung des leiblichen Raumes in den naturwissenschaftlichen Ortsraum vollzieht sich auch historisch mit unumkehrbarer Individuationsrichtung. (GR-LS 337)

Ordnung der allgemeine Naturgesetze als Regelmäßigkeit

Diese Regelmäßigkeit ist auch der Haupttrumpf der Verteidiger eines naturwissenschaftlichen Weltbildes, nach deren Ansicht die Welt so beschaffen ist, wie die Physik sie uns vorstellt. Die Naturwissenschaft konstruiert diese Regelmäßigkeit als Ordnung nach allgemeinen Naturgesetzen durch kausale (wenn auch manchmal nur statistische) Verknüpfung erdachter Größen, z.B. Molekülen, elektrischen Strömen, Strahlen und Wellen von vielerlei Art. Sie erreicht damit ungeheure Erfolge bei der Vorhersage von Ereignissen und bahnt dadurch der Maschinentechnik den Weg des Fortschritts. Diese Erfolge, so wird behauptet, wäre ein unglaubliches Wunder, wenn nicht tatsächlich die angenommenen kausalen Verknüpfungen zu Grunde lägen. Ich will dagegen nachweisen, dass ein Regelmäßigkeit des Weltlaufs auch ohne jede Einmischung von Kausalität möglich ist. (S-BW 80)

Naturwissenschaftliche Prognosen und geregeltes Zaubern

Nun sind die Erfolge des riesigen Intelligenzaufwandes in den Naturwissenschaften in der Tat so überwältigend, dass es vermessen und aussichtslos wäre, ihnen den Erkenntniswert abzusprechen. Dieser besteht darin, dass es mit Hilfe naturwissenschaftlicher Theorien in überraschend vielen Hinsichten gelingt, nach Eingriffen mit Apparaten (z.B. durch Messung) zutreffend vorherzusagen, was Menschen erleben werden, wenn sie sich mit wachen Sinnen zu gewissen Zeiten an gewissen Orten befinden. Auf dieser prognostischen Leistung baut die moderne Technik auf, die einen alten und lange illusorisch gebliebenen Menschheitstraum verwirklicht hat, nämlich, die Kunst zu erlernen, geregelt zu zaubern. (S-WNP 109)

Die Denkweise der modernen Naturwissenschaft beruht auf einer geschickt gewählten, aber der unwillkürlichen Lebenserfahrung hoch entrückten Abstraktionsbasis, die nur solche Merkmalsorten durchlässt, die bequem intermomentan und intersubjektiv identifizierbar, messbar und selektiv variierbar sind und mit Mathematik und passend erdachten Konstrukten wieder so angereichert werden, dass ein alter Menschheitstraum mehr oder weniger in Erfüllung geht: Die Vorarbeit lohnt sich durch enorme Erfolge bei der Prognose von Ereignissen, die in der empirischen Außenwelt nach apparativen Eingriffen stattfinden, und durch diese prognostische Leistung schafft die Naturwissenschaft der modernen Technik freien Raum für geregeltes Zaubern. (S-WNP 360)

Naturwissenschaft und einzelne messbare Merkmale

Die Naturwissenschaft setzt das Einzelne als selbstverständlich voraus und benützt diese Voraussetzung zur Denkform des Konstellationismus, der das Gegebene, im Ideal die ganze Welt, als ein Netzwerk einzelner Faktoren auffasst, das in Gedanken, um alle möglichen Kombinationen zu erproben, und erst recht in der technischen Praxis umgeknüpft werden kann. Sogar die Quantenphysik, die die üblichen Annahmen über Einzelnes z.B. durch die Verschränkung revidiert, dass mehrere Objekte gewisse Eigenschaften nur gemeinsam haben können, beweist diese Verschränkung durch Experimente mit einem einzigen oder numerisch mehreren Lichtteilchen. (S-JdN 37f)

Oft pflegen Naturwissenschaftler etwas, das sich nicht exakt messen lässt, überhaupt nicht gelten zu lassen, selbst wenn es sich, wie der körperliche Leib im Fall vieler Phantomglieder, geradezu brutal aufdrängt. Dann muss man sich mit dem Wunsch begnügen, dass solche Einseitigkeit zu reichen wissenschaftlichen Entdeckungen führen möge. (S-II1 71)

An der Naturwissenschaft rächst sich, dass sie von messbaren Merkmalen als der grundlegenden Gegebenheit ausgeht und nicht von bedeutsamen Situationen. (S-GedW 123f)

Einfluss der Naturwissenschaft auf die Geistesgeschichte

Dreimal hat die Naturwissenschaft in der europäischen Geistesgeschichte auf das philosophische Denken bestimmend eingewirkt. (S-NP 28)

  • Der Physiologismus schränkt das Wahrnehmbare auf Reizquellen ein, die sich als korrespondierende Gegenpole zu körperlichen Aufnahmeorganen konstruieren lassen;
  • die mathematisch-experimentelle Naturwissenschaft gibt den Philosophen die Neigung ein, von solchen Reizquellen nur noch die gelten zu lassen, die im Experiment isolierend gestellt und mit Messwerten belegt werden können;
  • der Evolutionismus reduziert alle Manifestationen des Lebens und der Kultur auf Umbildungen elementarer Faktoren, die schon in primitiven Zuständen wirksam sind. (S-NP 32)

Physiologismus im frühen Griechentum

Die erste und vielleicht wichtigste Einflussstelle gehört dem Beginn des Philosophierens im frühen Griechentum an. Alkmaion von Kroton, ein Arzt aus dem Umkreis des Pythagoras, begründete gegen 500 v. Chr. den Physiologismus durch seine Lehre, dass "der Sitz der Seele im Gehirn sei, zu dem sich alle Empfindungen durch die Kanäle fortpflanzen, welche von den Sinneswerkzeugen zu ihm hinführen." (Eduard Zeller, die Philosophie der Griechen I, 7. Aufl. Darmstadt 1963, S. 598). Als Physiologismus bezeichne ich die Lehre, dass Botschaften aus der Außenwelt zum Menschen nur auf dem Weg über gewisse Körperteile wie Auge, Ohr, Haut, Nase, Gehirn und peripheres Nervensystem gelangen, und nur in dem Maß, in dem solche Körperteile Reize einfangen, aufnehmen oder durchlassen können. Es leuchtet ein, dass dieses Dogma das Spektrum des Wahrnehmbaren empfindlich beschränkt. (S-NP: 28)

Homer hat für das Wahrnehmen von Sachverhalten und Situationen noch ein eigenes Wort (noein), und es ist ja auch klar, dass für die Helden im trojanischen Krieg oder den abenteuerlichen Irrfahrer Odysseus mehr darauf ankommt, kritische und verheißungsvolle Situationen und Tatsachen mit einem Schlag - ohne Nachdenken - zu erfassen, als auf das Sehen von Farben und Formen. Empedokles konstatiert so unbefangen wie das Sehen von Stoffen auch das Sehen der räumlich ausgedehnten Liebe, wohl im Sinne einer Atmosphäre, wie wir sie von Atmosphären der Ausgelassenheit, des feierlichen Ernstes oder der Verlegenheit, in die wir "hineinplatzen", kennen. Spätestens bei Demokrit, der nur noch kleine feste, von scharfen Oberflächen begrenzte Körper als Reizquelle in der Außenwelt gelten läßt, ist der Physiologismus vollendet, und Platon bringt diesen im Theätet zuerst mit dem Rationalismus zusammen, indem er einerseits durch Einführung der Rede von Sinnesorganen, die der Seele die Sinnesqualitäten als den Inhalt der Wahrnehmung lieferten, dem Physiologismus das seither selbstverständliche Stichwort liefert, andererseits im selben Gedankenzug alle Sachverhalte aus der Wahrnehmung herauslöst und der denkenden Seele anvertraut. Die wahrgenommenen Sachverhalte und Situationen werden in Urteile umfrisiert, durch die Verstand das Wahrgenommene deutet. (S-NP: 29f)

Mathematisch-experimenteller Einfluss im Barockzeitalter

Im Barockzeitalter ereignet sich der zweite große Einbruch der Naturwissenschaft in die Philosophie von der mathematischen-experimentellen Physik her. Diese zweite Welle konnte aber nur deshalb mit so durchschlagender Wucht ankommen, weil ihr die erste vorausgegangen war und die Außenwelt als den Bereich der Reizquellen für die Wahrnehmung von allen Gegenständen leergefegt hatte, die sich der Quantifizierung widersetzen. Die Protagonisten der naturwissenschaftsgläubigen Philosophie des Barock waren großenteils zugleich leidenschaftliche Physiologisten wie Descartes, ..., Locke und Newton. Der Physiologismus ist under den Einflüssen des naturwissenschaftlichen Denkens auf das philosophische die Grundwelle, sozusagen die Sinusschwingung, der die zusätzliche Wirksamkeit des mathematisch-experimentellen Verfahrens aufmoduliert ist. Sie macht sich hauptsächlich in Gestalt der Tendenz geltend, die Weltanschauung so weit wie möglich auf eine Gegenüberstellung von Messwerten (nämlich experimentell gemessene Daten) und diese verarbeitenden Theorien (d.h. Satzsysteme) zu reduzieren, also die mit Sachverhalten, Programmen und Problemen integrierten Sachen aus den wahrgenommenen Situationen loszureißen und in denkbar nackter, verarmter Form ... isolierend zu fixieren. Die substantialen Formen der Scholastiker müssen als erste daran glauben. (S-NP: 30f)

Evolutionismus des 19. Jahrhunderts

Die dritte große Welle naturwissenschaftlichen Einflusses auf die Philosophie ist der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, den Lamarck und Darwin von der Biologie her angeregt, Spencer, Wundt und unzählige andere auf die ganze Breite und geschichtliche Tiefer der Kultur übertragen, Bergson und Nietzsche als Sprungbrett zu weit ausstrahlenden philosophischen Utopien benützt haben. (S-NP32)

Naturwissenschaftlicher Materialismus

Der naturwissenschaftliche Zugang ist letztlich materialistisch. Für Materie (im naturwissenschaftlichen Sinne) gelten (nur) Naturgesetze, die programmatisch in Kausalerklärungen auf empirisch-experimenteller Basis aufzusuchen sind. (Janich in Sturma, 79)

Naturwissenschaftliche Ideologisierung

Gegen die Idee [der Naturwissenschaft] habe ich nichts, nur gegen ihre Ideologisierung zum naturwissenschaftlichen Weltbild. ... Die Naturwissenschaft ans sich ist unschuldig; die "Schurken im Stück" sind die Philosophen einschließlich der Naturwissenschaftler, die sich leichtfertig auf das eis der Philosophie begeben haben. Ihre Aufgabe wäre gewesen, die von den Errungenschaften der Naturwissenschaft geweckte Hybris durch umsichtige Selbstbestimmung abzufangen; statt dessen haben sie sich zu Vorreitern menschlicher Welt- und Selbstbemächtigung gemacht. (S-Replik Pos224)

Naturwissenschaftliche Erfahrung

Der Erfahrungsbegriff im Rahmen der Naturwissenschaften steht in krassem Gegensatz zum phänomenologischen Erfahrungsbegriff der ursprünglichen Betroffenheit. Der naturwissenschaftliche Erfahrungsbegriff geht von der unmittelbaren Empirie und einer strikten Gegenüberstellung zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt (Descartes) aus. Der Zugang zur Objektwelt besteht dabei überwiegend in Form einer Frage bzw. Hypothese und die "Antwort" des Untersuchungsbereiches wird dabei nur im Lichte der vorangestellten Hypothese akzeptiert. Jenseits des Lichts der Hypothese herrscht dabei Dunkelheit. Darüber hinaus ist dieser Erfahrungsbegriff immer vom Ideal der Beherrschbarkeit und der völligen (mathematischen) Kalkulierbarkeit der Objektwelt gekennzeichnet. Als zentral erweist sich dabei die Frage, ob es noch andere, ebenso legitime Zugangsweisen zur Welt gibt. (Wimmer in AE-GfA 120)

Naturwissenschaftliche Begleitmusik

Naturwissenschaftlich beschreibbare Prozesse sind eine notwendige und zureichende Begleiterscheinung.

Naturwissenschaft bringt Begleitmusik hervor für die Bühne, auf der sich die Gefühle abspielen.

Ergänzung der naturwissenschaftlichen Erfahrung

Schmitz weiss, dass seine Phänomenologie kaum mehr als eine "Ergänzung der naturwissenschaftlichen Erfahrung" wird erreichen können: "Denken in Situationen" sollte das "Merkmalsdenken" ergänzen, "Sensibilität für Eindrücke" sollte die Überschätzung der Sinne ergänzen. Als Aufgabe der Leibphilosophie erweist sich somit, über die Fähigkeit zu analytischer Wahrnehmung hinaus, "ganzheitliche" Wahrnehmung, "ganzheitliche" Denkweise zu nähren. Schmitz spricht auch von "typisierendem Denken in vielsagenden Eindrücken" (Heubel 42)

Siehe: