Einleibung

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Einleibung liegt bei allen sozialen Kontakten zwischen Menschen vor sowie beim Kontakt von Mensch und Tier.

Übersicht

Einleibung.png

Einleibung als primärer Zustand des In-der-Welt-Seins

Die Grenze zwischen dem gespürten eigenen Leib und den Neubildungen durch leibliche Kommunikation ist übrigens nicht scharf. Einleibung ist nichts Nachträgliches, sondern wahrscheinlich schon zwischen der werdenden Mutter und dem Embryo wirksam und nach der Geburt dem Neugeborenen verfügbar, wofür dessen wunderbare Leistungen in mimischer Nachahmung Zeugnis geben. (S-H 100)

Die chinesische Redewendung shè-shên chû-dì 設身處地 ermutigt zur Einleibung in diesem Sinne. Wörtlich bedeutet sie "sich im Leib [des anderen] einrichten, seinen Platz einnehmen" und entspricht unserem Ausdruck "sich in jemandes Lage versetzen". (GL-RB 71)

Siehe: Stellvertretung

Arten der Einleibung

Visuelle Einleibung

Das gewöhnliche Sehen ist schon Einleibung. Wenn sich eine wuchtige Masse - etwa ein Auto, ein Stein, eine schlagbereite Faust - drohend nähert, bringt man sich unter günstigen Umständen in Sicherheit, indem man geschickt zur Seite springt oder den Kopf wegdreht. Das gelingt nur, weil man im Sehen mehr wahrnimmt, als man sieht, nämlich auch den eigenen, mit dem eigenen Körper, den man dann gewöhnlich nicht sieht, lokal zusammengehörigen Leib. (S-DgL 86)

Akkustische Einleibung

Wenn man dagegen die drohende Masse nicht sieht, sondern nur heranbrausen hört, ist man viel ratloser, obwohl auch das Hören Richtungen angibt, und kann sich nur ducken. Dafür hat das Hören andere Talente zur Einleibung, insbesondere die ausgezeichnete Fähigkeit zu massenhafter Verschmelzung von Leibern durch den Rhythmus und andere Bewegungssuggestionen des Schalls. (S-DgL 86)

Taktile Einleibung

Taktile Einleibung präsentiert das Urphänomen der Einleibung überhaupt im Ringkampf, wenn beide Leiber gegen einander schwellen und sich spannen, in rhythmischem Wechsel beide Tendenzen dem Partnerleib übertragend, wobei die Dominanzphasen von Spannung und Schwellung in jedem der beiden Leiber und in dem übergreifenden Leib abwechseln. Ein Ringkampf im Kleinen ist der Händedruck, die in Deutschland übliche Begrüßungsgeste, während die Umarmung dem Antagonismus von Engung und Weitung in taktiler Einleibung einen vielfältig variablen Gebärdesinn verleiht. (S-DgL 86)

Einleibung und Quasi-Leiber

Einleibung besteht in der "beständigen, großenteils flüchtigen Bildung, Umbildung und Auflösung übergreifender Leiber oder Quasi-Leiber". (S-DgL 85)

Ich meine damit einheitliche Gebilde mit der beschriebenen Struktur leiblicher Dynamik, die einen Leib der beschriebenen Art mit anderen solchen Leibern oder mit Objekten, die nicht von sich aus leiblich sind, ad hoc zusammenschließen. (S-DgL 85)

Siehe: [MU-DLGG Kap. IV/4]

Einleibung als Vehikel der Sozialkontakte

Ebenso ist Einleibung das Vehikel der Sozialkontakte zu jedem Gespräch und jedem Liebesspiel, z.B. zwischen Mutter und Kind, und bei sportlichen Wettkämpfen; ihr leitmotivisches Kennzeichen ist das Koagieren ohne Reaktionszeit ... (S-DgL 88)

Siehe: Leibliche Kommunikation

Mittels leibnaher Brückenqualitäten

Typen der Einleibung

Einleibung kann wie folgt unterschieden werden:

  • antagonistische Einleibung und solidarische Einleibung
  • patente und latente Einleibung

Die Einleibung kann im Extremfall auch zur Ausleibung führen.

Antagonistische Einleibung

Die antagonistische Einleibung ist teils

  • einseitig, wenn der dominante, bindende und fesselnde Engepol des gemeinsamen vitalen Antriebs immer auf einer Seite bleibt
  • oder wechselseitig, mit kurzfristigem Wechsel der Dominanz wie beim Blickwechsel und im meist davon begleitetem Gespräch (S-KE 40)

Einseitige Einleibung

Einseitige Einleibung = stabil-antagonistische Einleibung.

Beispiele für eine Person-Person-Einleibung:

  • Im Gespräch, wenn der Focus immer bei einer Person bleibt
  • Bei der Hypnose, wo der Hypnotiseur den Engepol einnimmt, und der Hypnotisand den Weitepol. (auch mögliche Ausleibung)

Beispiele für eine Person-Ding-Einleibung:

  • das Lesen eines Buches, z.B. eines fesselnden Kriminalromans
  • beim Ausweichen eines heranfliegenden Steines
Trance

Wechselseitige Einleibung

In einem guten Gespräch wird der Enge-Pol hin- und hergereicht. Deshalb kann allein schon ein solches Gespräch, egal worüber, gut tun, wenn wir in einer depressiven Stimmung verfangen sind, d.h. die Schwingungsfähigkeit des vitalen Antriebs vorübergehend gelähmt ist. Durch das Hin- und Herschwingen in der gemeinsamen Situation des Gesprächs wird der Antrieb wieder angestoßen. Hingegen erleben wir die gemeinsame Situation mit einem Dauerredner als quälend, wenn dieser nicht fasziniert, sondern nur den Enge-Pol festhält, während sich in uns zunehmend Leere ausbreitet.

Solidarische Einleibung

In der solidarischen Einleibung verbindet ein gemeinsamer vitaler Antrieb mehrere Personen ohne dass einer sich dem anderen zuwendet. Es geht ohne Dominanz oder Unterwerfung unter den eingeleibten Partnern.

Beispiele:

  • Rudermannschaften mit Ziel: das möglichst schnelle Rudern
  • singende und musizierende Menschengruppen mit dem Ziel des gemeinsam gesungenen Liedes
  • gemeinsame Konzentration auf ein Werk oder Thema
  • bei stürmischem Mut und panischer Flucht einer Truppe, bei rhythmischem Rufen, Klatschen, Trommeln durch den Rhythmus als die Bewegungssuggestion, die einer Sukzession durch ihre Sukzessivität anhaftet, beim gemeinsamen Singen, Musizieren, Rudern oder Sägen, in Massenekstasen usw.

Latente Einleibung

Eine latente Einleibung liegt vor, wenn der Leib eines Individuums in einen übergreifenden vitalen Antrieb eingespannt ist, ohne dass sich dieses Engagement in teilheitlichen leiblichen Regungen auf einzelnen Leibesinseln niederschlägt.

Patente Einleibung

Eine patente Einleibung liegt vor, wenn der Leib eines Individuums in einen übergreifenden vitalen Antrieb eingespannt ist, und sich dieser auch in teilheitlichen leiblichen Regungen auf einzelnen Leibesinseln niederschlägt.

Kommunikation und Wahrnehmung als Einleibung

Während im naturwissenschaftlichen Weltbild unser Gehirn erst kompliziert zusammensetzen muss, was ihm von außen an Einzelreizen zugeführt wird, geschieht, phänomenologisch betrachtet, nicht nur Kommunikation, sondern auch Wahrnehmung vorrangig über Einleibung, da der Blick als leibliche Richtung, uns mit dem verbindet, was wir sehen.

Synchronizität ist die Parallelität der in Einleibung geschehenden gleichzeitigen Ereignisse.

Die Wahrnehmung von Halbdingen ist Einleibung. (S-H 100)

Siehe auch: Leibliche Kommunikation

Latente Dauereinleibung

Das leibliche Erleben im Wachzustand hat sich bei vielen Menschen in die latente Einleibung zurückgezogen. Deutlich wird es ihnen nur noch daran, dass ihnen bei der Beschäftigung mit etwas entweder missmutig, angeödet oder gefesselt, eifrig, engagiert oder irgendwie in der Mitte zwischen diesen Extremen zu Mute ist. Das sind ganzheitliche leibliche Regungen, die zur latenten Einleibung genügen; das eigenleibliche Spüren wird darüber mehr oder weniger vergessen, und mit ihm der Leib, der doch der Herd aller Resonanz und Initiative ist und die Voraussetzung dafür, dass sie selbst sind und als Personen etwas für sich selber halten können. (S-L 169)