Prozessontologie

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Wissenschaftsgeschichtliche Bezüge

Die Prozessontologie entwickelt sich aus der Verzerrung der ordnenden Dynamik (der komplementären Identität im Äquivalenzprinzip z.B. im Auf und Ab, Hin und Her) zur haltlosen Kinetik, schon zwischen Empedokles und Demokrit. (S-DWdeP 122)

Aus dem Tonosstrom einer arachischen Dynamik wird der Prozess als Verkettung von diskreten, typisierten Ereignissen.

Dabei reflektiert Whitehead insbesondere die Umbrüche in der modernen Naturwissenschaft, die von der mechanistischen Physik Newtonscher Prägung zur Relativitätstheorie und Quantenphysik, in der Biologie zur Evolutionstheorie geführt haben. (F-WCP 14)

Die Prozessontologie müsste korrekterweise Ereignisontologie heissen, da Prozesse immer als Verkettung oder Strom von Ereignissen verstanden werden, und damit immer von einer numerischen Mannigfaltigkeit ausgegangen wird.

Ereignis als Grundkategorie

Im Unterschied zur Dingphilosophie, die in einem dreigliedrigen Netzwerkmodell (Ding, Eigenschaft, Relation) mündet, geht die Prozessphilosophie nur noch von dem Ereignis als Grundkategorie aus. Hinzu kommt häufig auch die Vorstellung von der relationalen Verkettung und der Kategorisierung der Ereignissketten, so dass die Hauptkategorien einer Prozessontologie wie folgt sind:

(Vgl: S-WNP 199, S-NGdE 17-26)

Eliminieren von Trägersubstanzen

Erst die moderne Naturwissenschaft eliminiert auch noch die Träger und lässt (seit Mach, Einstein u.a.) nur noch ein Arrangement frei flottierender Merkmale übrig; das ist noch nicht in die implizite Ontologie des Umgangs der Menschen mit ihrer Lebenswelt und die explizite der darauf bezüglichen Wissenschaften eingedrungen. (S-HL 356)

Nur objektive Ereignisse

Es werden nur objektive Tatsachen anerkannt. Subjektive Tatsachen werden nicht anerkannt.

Nur diskrete Ereignisse, keine Relationen

Die Vorstellung, es gibt nur Ereignisse nennt man "aktualistische Ereignisontologie". Vertreter: Singer.

Siehe: Bestreiten der Relationen bei Wilhelm von Ockham

Siehe Projektionismus und Extensionismus: Konstellationen (geordneter Mengen) registrierbarer Ereignisse

Siehe: Diskrete Ontologie

Ereignisse und Relationen

Ereignisse und Anschlussrelationen

Prozesstypen: Gattungen der Ereignisketten

Ontologie der Ereignisketten als Prozesstypen, z.B. physisch, psychisch, sozial.

Psychisch, Physisch, Sozial

Von der Prozessphilosophie wird vernachlässigt, dass zusätzlich die Annahme von verschiedenen Ereignistypen erforderlich ist, und es damit leicht zu einem Schubladendendenken kommt. (Psychische, Physische, Sprachliche Ereignisse). Häufig gibt es nur ein Typus von Relation, der diese Ereignisse des gleichen Typs miteinander verbindet: der Anschluss.

(Musikalischer) Gestaltverlauf als Ereigniskette

Auch ein Gestaltverlauf kann als Ereigniskette im Sinne der Prozessontologie verstanden werden.

... die Einheit des Relationsbewusstseins wird zu einer bloßen Gestaltqualität nach Art einer Melodie. (S-SdG 135)

Ereignis jenseits von Subjekt und Objekt

Die Prozessontologie macht den Vorschlag eines entsubjektivierten Bewusstseins ohne Bewussthaben. Affektives Betroffensein von Gefühlen ist ohne betroffenes Subjekt aber nicht vorstellbar. Daher wird die Prozessontologie durch seine Subjekt- und Objektlosigkeit in letzter Konsequenz zum Idealismus.

Historische Wurzeln: Wilhelm von Ockham

Im Bezug zu Wilhelm von Ockam:

Den Gipfel auf der Subjektseite erreicht Wilhelms Fanatismus der Absolutsetzung im Gedanken der Überflüssigkeit des Subjekts, der zur These völliger Subjektlosigkeit (mit der Folge von Objektlosigkeit) erst im Empiriokritizismus des späten 19. Jahrhunderts systematisch ausgearbeitet worden ist. (S-DWdeG 153)

Empiriokritizismus: Avenarius, Mach

Die Empiriokritizisten Avenarius und Mach haben daraus ein philosophisches System gemacht. ... Die Radikalität seines Singularismus und Konstellationismus führt Wilhelm in die Nähe eines Physikalismus, der die Subjektivität ebenso wie die Dinge auslöscht und nur noch Verbände von Ereignissen - scholastisch gesprochen: absoluten Akzidentien - übrig lässt, für die es keinen Unterschied mehr macht, ob sie physisch oder psychisch sind. (S-DWdeG 154)

Der eine [Weg] ist die Bestreitung der Subjektivität, der Verzicht auf Bewussthaber, vorgezeichnet von Lichtenberg ("Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt") und ausgeführt von den Empiriokritizisten Avenarius und Mach. Wenn es keinen Bewussthaber gibt - niemanden, der denkt, fühlt, spricht, tut und leidet, sondern nur die entsprechenden neutralen Ereignisse -,kann es auch keinen einfachen Bewussthaber geben, und die Einheit des Relationsbewusstseins wird zu einer bloßen Gestaltqualität nach Art einer Melodie. (S-SdG 135)

Daher: Prozessontologie als Ontologie der Musik im Dreieck

Siehe: Kritik der Innenwelthypothese

Einordnung des Strukturkerns

  • Pluralismus statt Dualismus
  • Genetischer Strukturalismus statt Substanzmetaphysik: strukturale statt kausale, genetische Analyse
  • Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung

Die Wirklichkeit setzt sich aus einer Vielzahl eigenständiger, jedoch innerlich miteinander verbundener Prozesswesen zusammen (Pluralismus). Ein solches Prozesswesen resultiert aus einer Genese, die von einer anfänglichen Struktur zu einer Endstruktur führt. Struktur und Genese bedingen sich wechselseitig (genetischer Strukturalismus). Entscheidendes Moment bei der Selbstverwirklichung ist die Selbstregulation (Autoregulation), die sich in Gleichgewichtsprozessen (Äquilibration) ausdrückt. ... Als Fortführung der Subjektphilosophie der Neuzeit, aber ohne deren Dualismen von Materie und Geist, Leben und Geist, Natur und Kultur vermag diese Position für ein aufgeklärtes Humanitätsideal einzutreten. Sie lässt den "Tod des Subjekts" ebenso hinter sich, wie sie die entmenschlichenden Tendenzen von Systemdenken und Dekonstruktivismus überwindet. (F-WCP 16)

Die Wirklichkeit besteht aus einer Vielzahl von organismischen Prozesseinheiten mit graduell zunehmender Subjektivität. Damit sind ineins ein Pluralismus, ein Organizimus, ein Prozessdenken und ein Subjektdenken behauptet. Diese Prozesseinheiten sind eigenständige Wesen, die jedoch innerlich miteinander verbunden sind, durch interne Relationen, womit der Relationismus als weiterer Wesenszug hinzukommt. Als Prozesseinheiten sind sie selbstschöpferisch; Kreativität ist ein Grundzug der Wirklichkeit. (F-WCP 35)

Subjektdenken

"jenseits von Subjektivismus und Objektivismus" (Schwinn 1993) (F-WCP 39)

Siehe: Idealismus, insbesondere Subjektiver Idealismus

Das - organismisch fundierte - Subjektdenken ist als kategorialer Gegenentwurf zur herkömmlichen Dingauffassung exemplarisch von Whitehead vordemonstriert worden (vgl. Fetz 1981, 52-96). ... Nimmt man die Subjekt-Objekt-Erfahrung ernst, dann stehen am systematischen Ausgangspunkt der Philosophie aber nicht mehr Aussagen vom Typ "Dieser Stein ist grau", sondern komplexe Aussagen wie "Ich nehme wahr, dass dieser Stein grau ist" (...). Damit tritt die Relation zwischen den Subjekt und dem - als real angesetzten - Referenzobjekt in den Vordergrund. Dem Substanz-Qualität-Schema kommt innerhalb dieses Relationsgefüges nur noch eine untergeordnete Bedeutung zu: Es steht für eine Abstraktion, nicht für die konkrete Wirklichkeit (...). (F-WCP 37)

Prozessdenken

Die Prozessphilosophie lässt sich von der genetischen Frage inspirieren, also der Frage, in welchen Geschehnissreihen oder Ereignisketten etwas auftritt. Damit steht sie quer zur phänomenologischen Frage.

Kritik am statischen Dingkonzept, das durch Newtons Grundbegriff der trägen Massen seine wissenschaftliche Verfestigung erfahren hat.

Das Werden ist also nicht ein bloßer Initialakt, wie das Entstehen einer Substanz, an das sich dann für die Dauer ihrer Existenz das "Sein" anschließt. Vielmehr ist das "Sein" durchgängig an das "Werden" gebunden, auf eine so innerliche Weise, dass es ohne das "Werden" in das Nichts zurückfällt. Eine Wesen im Vollsinn hat somit seine Existenz nur in dem Prozess, in dem es sich selbst konstitutiert; es ist von diesem Prozess getragen und Resultat dieses Prozesses. (F-WCP 41)

Etwas besitzt sein Sein nur durch sein Wirken.

Nicht nur die höheren Organismen, sondern alle organismischen Einheiten und damit letztlich die Wirklichkeit insgesamt besteht aus Prozesswesen, die nur aufgrund der ihnen innerlichen Prozesse existieren, für die also diese Prozesse konstitutiv sind. (F-WCP 42)

Bewusstseinsstrom: Vom festen Körper zur Flüssigkeit

... von einigen Autoren um 1900 (James, Husserl) vorgenommene Umdeutung der Seele zum Bewusstseinsstrom, wobei das Modell des festen Körpers (Seele als Haus) mehr oder weniger konsequent durch das Modell einer Flüssigkeit abgelöst wurde. (S-Erk 192)

Das Vorbild für James Bewusstseinsstrom war der Atemstrom.

Strukturdenken

Die Ganzheitlichkeit von Strukturen besagt, dass die Teile, d.h. die Elemente oder Substrukturen, aus denen sie sich zusammensetzen, nicht unabhängig voneinander und vom Ganzen ihr Sosein, ihre Existenz- und Funktionsweise besitzen. Zwischen den Teilen und dem Ganzen herrschen nicht äußerliche, sondern konstitutive innerliche Beziehungen. Das bedingt, dass Elemente einer Struktur nicht aus ihrem Zusammenhang gerissen und als für sich bestehende Einheiten kausal erklärt werden können. (F-WCP 45)

Operative Systemtheorie

Luhmann als Vertreter operativer Systemmodelle lässt sich als Prozessdenker einstufen, da er ein Kettenmodell der Operationen verfolgt. Die Motivation, aus der heraus ein operatives, zeitgetriebenes Systemmodell verfolgt, ist verständlich: die Reduktion der Komplexität. Allerdings vergisst er, dass nicht nur die Zeit Komplexität reduziert sondern auch Situationen:

Situationen reduzieren Komplexität. Niklas Luhmann hat das verkannt. (S-WNP 277)

Typisch für die operative Systemtheorie sind Aussagen wie:

  • Nur die Kommunikation kommuniziert. Der Mensch ist nur die Umwelt eines sozialen Systems.


Kontinuum zwischen Geist und Natur

Da Whitehead und Langer von einem Kontinuum zwischen ‚Geist‘ und ‚Natur‘ ausgehen, können sie naturwissenschaftliche Resultate eher in ihre jeweilige Naturphilosophie integrieren als andere theoretische Schulen. (Landweer/Renz in: Klassische Emotionstheorien, S. 15)

Prozess als Kette oder Bewegung

Prozess als Kette von Ereignissen

  • Ereigniskette

Prozess als Ruhe in der Bewegung

  • leibliche Bewegung in Ruhe

Fühlen als Prozess

  • Das Fühlen wird als Prozess behandelt.
  • Gefühle hingegen, können nicht thematisiert werden.

Vertreter

  • Heraklit ("alles fliesst"-Heraklit)
  • Avenarius
  • Hume
  • Fichte (Tathandlung, die sich selber tut)
  • Whitehead
  • Mach
  • Einstein
  • Luhmann
  • Donald Davidson
  • Rescher

Buddhismus

Doch eigentlich ist die Position Buddhas im Hinblick auf die Dauerhaftigkeit von Substanzen noch viel radikaler: jegliches Andauern wird negiert zugunsten einer "Konzeption des Individuums als Produkt einer raschen Abfolge zahlloser einzelner Daseinsmomente, die den verfehlten Eindruck eines Selbst (âtman) hervorruft, während sich bei genauerer Analyse zeigt, dass es nirgendwo im Lebendigen etwas Fortdauerndes gibt." (Stietencron, 2001, S. 37). Laut Inada nimmt Buddha an, dass die Gegenwart niemals stillsteht oder feststellbar sei, und deswegen sei die Gegenwart auch nicht definierbar oder bestimmbar. (KS-DbD 86 (Seele-Das bist Du!))

In Amerika dient besonders die Prozessphilosophie Alfred North Whiteheads (1861-1947) als Grundlage für den Dialog mit dem buddhistischen Konzept von pratîtyasamutpâda (Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit), wobei man auch an Charles Sanders Peirce (1839-1914) anknüpfen kann, der bereits in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts das Selbst nicht als Substanz, sondern als stets neues Ereignis der kreativen Selbstschöpfung begriffen hatte. Whitehead berührt in seinem Prozess-Denken grundlegende buddhistische Prinzipien, vor allem die Einsicht in die Nicht-Substantialität aller Erscheinungen. Auch John Cobbs Prozesstheologie spielt in diesem Zusammenhang eine herausragende Rolle, ... (BL-BuC 271)

China

Die ununterbrochene Wandlung der Welt im Blick hat Philosophen im alten China zu einer Lehre vom Seienden gebracht, die das Fließende und Flüchtige in den Mittelpunkt rückt. Wenn alles fließt und sich wandelt, keine Situation der anderen gleicht, lassen sich Phänomene nicht festhalten und im Grunde auch nicht begrifflich fixieren. Worte sind so gesehen in ihrer situativ "wandernden Bedeutung" immer nur Krug- und Becherworte.
Diese Sicht auf die Welt kontrastiert mit einer europäischen Ontologie, welche die festen Körper zum Leitbild erhob, mit eindeutigen Begriffen hantierte, so dass alles Seiende dem Menschen überaus handhabbar, manipulierbar, beherrschbar erscheint.

Wandlungs- respektive Situationsontologie auf der einen Seite, Substanzontologie auf der anderen haben jeweils andere Folgen für Welt- und Selbstauslegung. (GL-RB 87)

Plotin als Mystiker

Wenn aber, wie Plotin es ... sieht, der Geist selbst die Operation (Energia) ist, fallen nicht nur Subjekt und Objekt im Sichdenken zusammen, sondern das Sichdenken, die Operation, frisst gleichsam Subjekt und Objekt auf, und nichts davon bleibt übrig als die absolute Tathandlung nach Fichte, die nichts tut als sich selbst und sich zum inneren Objekt hat, ... (S-DWdeP1 347f)

... ein Subjekt und Objekt absorbierendes absolutes Ereignis. (S-DWdeP1 348)

Wilhelm von Ockham

Die Radikalität seines Singularismus und Konstellationismus führt Wilhelm in die Nähe eines Physikalismus, der die Subjektivität ebenso wie die Dinge auslöscht und nur noch Verbände von Ereignissen - scholastisch gesprochen: absolute Akzidentien - übrig lässt, für die es keinen Unterschied mehr macht, ob sie physisch oder psychisch sind. (S-DWdePh2 154)

Siehe Auslöschung der Relation bei Wilhelm von Ockham

Avenarius

Avenarius gibt der Entsubjektivierung des Bewusstseins, dem der Bezug auf jemand, dem etwas bewusst ist, genommen ist, die erste durchdachte Form, steht damit aber in einem Strom, der von Hume bis zur Gegenwart reicht. (S-BW 13)

Avenarius will nicht mehr ein vorfindendes Subjekt und ebenso wenig ein vorgefundenes Objekt gelten lassen, sondern nur noch neutrale, absolute Vorfindungen, so wie Empfindungen ohne Empfindenden und Empfundenes: "Nicht also das Ich-Bezeichnete findet den Baum vor, sondern das Ich-Bezeichnete und der Baum sind ganz gleichmäßig Inhalt eines und desselben Vorgefundenen." (S-H 17)

Wenn Avenarius eine Vorfindung ohne Vorfindendes und Vorgefundenes postuliert, will er die Subjekt-Objekt-Spaltung vermeiden und weist die Widerspruchsfreiheit dieses Versuches durch das Beispiel der Empfindungen aus, die sich ereignet, ohne dass dabei ein empfindendes Subjekt von einem empfindenden Objekt unterschieden werden könnte. (S-SaP 332)

Avenarius macht sich hier daran, die von Wittgenstein nur als Gedankenspiel im Anschluss an Lichtenberg erwogene Sprachform für die Praxis zu empfehlen. Entsprechend wie Vorfindungen gibt es in seiner Welt natürlich auch nur Denkungen, Fühlungen, Wollungen, Verzeihungen, Sprechungen, Handlungen ohne jemand, der denkt, fühlt, will, verzeiht, spricht oder handelt. (S-SaP 6)

Hume

Hume streicht also in der dreischichtigen Gegenstandstheorie die zweite Schicht durch Identifizierung mit der ersten, behält aber die Degradation der Relationen bei, so dass ihm aus der Isolierung aller Substanzen von einander durch ihre Subsistenz eine Isolierung aller Ereignisse durch eine von allen Verbindungen unabhängige Subsistenz wird: "Alle Ereignisse erscheinen durchaus unzusammenhängend und vereinzelt." (S-NGdE 24f)

In der modernen Physik herrscht ein von Hume eingeführtes verkürztes Schema, das Dinge und Eigenschaften zu Ereignissen verschmilzt und außer diesen nur Relationen zulässt. (S-WieP 19)

Hume traut sich zu, von allen Menschen außer einigen Metaphysikern "zu behaupten, dass sie nichts sind als ein Bündel oder eine Sammlung verschiedener Perzeptionen, die einander mit unbeschreiblicher Schnelligkeit folgen und beständig in Fluss und Bewegung sind", z.B. der "Perzeptionen der Wärme und Kälte, des Lichtes oder Schattens, der Liebe oder des Hasses, der Lust oder Unlust." (S-BW 13)

Die nächste Revision der Gegenstandstheorie wurde durch Hume eingeleitet, der Substanzen und Akzidentien (oder Modi) zu Ereignissen verschmolz, aber an der Gegenüberstellung mit den Relationen und an deren Abwertung festhielt. (S-Erk 157)

Alle Ereignisse erscheinen durchaus unzusammenhängend und vereinzelt. (Hume, Enquiring Concerning Human Understanding. 2. Teil des 7. Abschnitts: "All events seem entirely loose and separate." Deutsche Übersetzung von R. Richter, Nachdruck Hamburg 1973, S. 90)

Siehe: zu Wittgenstein

William James

William James, dem Erfinder der Metapher vom Bewusstseinsstrom, der diesen später für das Produkt einer Verwechslung mit dem Atemstrom hielt (Does consciousness exist?, in: W. James, Essays in Radical Empiricist, London 1912, S. 1-38 (S-Replik Pos285)

...; dafür sorgt schon der Atem, als dessen spürbares Strömen William James den sogenannten Bewusstseinsstrom entlarven wollte. (S-III2 81)

Fichte

Wo bleibe ich in einer solchen Welt neutraler Elemente? Diese Frage stellt als Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Er gelangt damit dicht in die Nähe der Entdeckung der subjektiven Tatsachen, versäumt sie aber und mauert das Ich in eine Tathandlung ein, die nur sich selber tut. (S-KE 26)

Es gibt aber noch ein anderes Verfahren, mit der von Fichte zwischen Subjektivität und den objektiven Tatsachen aufgerissene Kluft fertig werden zu wollen, nämlich die robuste Beschränkung auf objektive Tatsachen unter Streichung der Subjektivität. (S-H 17)

Henri Bergson

Edmund Husserl

Schneiden wir den Ichleib vom empirischen Ich ab, und beschränken wir dann das reine psychische Ich auf seinen phänomenalen Gehalt, so reduziert es sich auf die Bewusstseinseinheit, also auf die reale Erlebniskomplexion (...) Das phänomenologisch reduzierte Ich ist also nichts Eigenartiges, das über den mannigfaltigen Erlebnisse schwebte, sondern es ist einfach mit ihrer eigenen Verknüpfungseinheit identisch. (Husserl, Logische Untersuchungen, 2. Band, 1. Teil. 4. Auflage 1928, S. 353. Zit.n: S-BW 14)

Lichtenberg

Einwurf von Lichtenberg gegen Descartes:

Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns abhängen,; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. "Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis." (Lichtenberg, zit.n.: RE-SuS 207, S-BW 13)

Lichtenberg nimmt somit Nietzsches Kritik an der Wendung "ich denke" vorweg, ohne dass es jedoch direkt mit Fragen der Grammatik zu verbinden. (RE-SuS 207)

... wenn man das Sprechen in der ersten grammatischen Position überhaupt abschafft oder wenigstens als irreführend oder belanglos philosophisch ausrangiert. Das unternimmt Lichtenberg mit seinem zum geflügelten Wort gewordenen Apercu:

"Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt." (S-SaP 4)

Whitehead

Die Natur ist eine Bühne für die wechselseitigen Beziehungen von Aktivitäten. Alle Dinge ändern sich, die Aktivitäten wie ihre Wechselbeziehungen ... An die Stelle der aristotelischen Vorstellung von der Prozession der Formen ist (in der modernen Physik) die Vorstellung von den Formen der Prozesse getreten. (Whitehead, Nature and Life, S. 36. Zit.n.: EW-PuS 70)

How an acutual entity becomes constitutes what that actual entity is; so that the two descriptions of an actual entity are not independent. Its 'being' is constituted by its 'becoming'. (Whitehead 1985, 23. Zit.n.: F-WCP 40f)

Siehe auch: Raumzeit als objektive Prozessgestalt

Über den prozessontologischen Strukturkern hinaus:

Whitehead hat ein monadisches System konstruiert, basierend auf der spekulativen Annahme letzter mikrokosmischer Prozesseinheiten, den sogenannten actual entities oder actual occasions. Diese liegen noch unterhalb der kleinsten bekannten physikalischen Einheiten, was zur Folge hat, dass Whitehead alle physikalischen Entitäten, alle Lebewesen und auch den Menschen als eine Vielzahl von "Gesellschaften" solcher actual entities interpretieren muss. (F-WCP 34)

Ernst Mach

"Das Ich ist unrettbar." [Richard Avenarius: Der menschliche Weltbegriff, 3. Auflage Leipzig 192, S. 82f.] (S-HL 366)

"Die Elemente bilden das Ich. Ich empfinde Grün, will sagen, dass das Element Grün in einem gewissen Komplex von anderen Elementen (Empfindungen, Erinnerungen) vorkommt. Wenn ich aufhöre, Grün zu empfinden, wenn ich sterbe, so kommen die Elemente nicht mehr in der gewohnten geläufigen Gesellschaft vor. Damit ist alles gesagt." (S-BW 13)

Martin Heidegger

Insbesondere der "junge" Martin Heidegger.

Das Ereignis ist das neutrale "und" im Titel "Sein und Zeit". Das Ereignis ist weder das Sein noch die Zeit. (ZuS 46-7)

Auch Oswald Schwemmer bemerkt zu dem bisweilen im Stammeln endenden Denken von Martin Heidegger, "dass es als radikales Ereignisdenken zu einer sprach- und ratlosen Überforderung führt." (WH-RL 101)

Das Ereignis als Zwischen?

Die Ereignis-Mystik (S-HuH 412)

Wittgenstein

Die Welt ist alles, was der Fall ist. (T1)

Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. (T1.1)

Die Welt zerfällt in Tatsachen. (T1.2)

Im Sachverhalt hängen die Gegenstände in einander, wie Glieder in einer Kette. (T2.03)

Einfache, mit einander verkettete Gegenstände bilden nach Wittgenstein in Konfigurationen die Sachverhalte. (S-DWdeP2 581)

Das Erbe Machs tritt die Wiener Schule des logischen Positivismus an, zeitweilig verbündet mit Wittgenstein, der, nachdem er sich die Paradoxie der rezessiven Entfremdung der Subjektivität im Tractatus logico-philosophicus von der Seele geschrieben hat, nach der Aufnahme seiner Lehrtätigkeit in Cambridge in die Gedankenbahn von Lichtenberg, Avenarius und Mach einschwenkt und das cogito zum Es denkt umzudeuten versucht. Um die Subjektivität aus den Tatsachen loszuwerden, entwickelt er zwei Strategien:

  • die konventionalistische, wonach ich als Subjekt oder Bewussthaber (jeder auf seine Weise) eine Spielfigur bin wie der König im Schachspiel,
  • und eine expressionistische, die die Aussage subjektiver Tatsachen des affektiven Betroffenseins in bloße Kundgabe nach Art von Interjektionen verkehrt.
Diese Vorschläge sind unhaltbar. (S-H 17)

Hier ist mit Händen zu greifen, dass Wittgenstein Schwierigkeiten mit Regel und Regelbefolgung auf einer nominalistischen Ontologie beruhen, die wahrscheinlich der zweistufigen von Hume gleicht, mit einzelnen Ereignisssen und Relationen zwischen ihnen als einzigen Gegenstandstypen.

Die einzelnen Ereignisse sind in Wittgensteins Beispiel die Aufzeichnungen der Atomfigur, und die Relation besteht in der Wiederholung. Wittgenstein vermisst zwischen diesen Wiederholungen das Band der Regel im Sinne eines unmittelbar, intuitiv gegebenen allgemeinen (d.h. nicht nur auf ein einzelnes Ereignis bezüglichen) Programmes in gleicher Weise, wie Hume das Band der Kausalität als Rechtfertigung des Vertrauens in einen gleichmäßigen Ablauf des Geschehens vermisst. Den Ersatz des Fehlenden beschafft sich Wittgenstein in einer Weise, die abermals dem Behelf von Hume analog ist: Hume berief sich auf die Assoziation im Sinne der psychologischen Assoziationsgesetze, um an die Stelle einer intuitiv und rational zuverlässigen Rechtfertigung des Glaubens an erwartbare Gleichförmigkeit die psychische Motivierung durch Gewohnheit zu setzen. An die Stelle der psychologischen Assoziation tritt bei Wittgenstein so etwas wie eine soziologische: das eingeschliffene Sprachspiel oder die Gepflogenheit einer Personengruppe, die das Vertrauen auf Gleichförmigkeit des Verhaltens der Angehörigen im Sinne der Regelbefolgung zwar nicht rational rechtfertigt, aber so plausibel macht, dass man sich durchschnittlich drauf verlassen kann. (S-SaP 387f)

Ernst Cassirer

Wie viele seiner zeitgenössischen philosophischen Kollegen auch konzeptualisiert Cassirer das Bewustseinsleben mit der Metapher des Stromes als abgesetzt gegen die atomistische, von stabilen elementaren Bewusstseinseinheiten ausgehende Assoziationspsychologie. Dies verbindet Cassirer mit Denkern wie William James, Henri Bergson, Edmund Husserl und dem jungen Martin Heidegger. (Heinz Paetzold: Ernst Cassirer - zur Einführung. S. 137)

Wir müssen um den Aufbau und Sinn der Kultur zu verstehen, eine Metaphysik des Prozesses setzen. (Cassirer 1995, 240. Zit.n.: F-WCP 40)

Jean Piaget

...

Niklas Luhmann

Luhmann als Vertreter eines operativen Systemmodells.

Moderne Physik

Die traditionelle Ontologie, die auf dem physiologistisch-introjektionistischen Reduktionismus aufbaut, ersetzt die Situationen ... seit Hume und in der modernen Physik auch durch ein zweistufiges Schema (Ereignisse mit immer noch degradierten Relationen). (S-SaP 341)

Inzwischen hat Humes Verkürzung des ontologischen Kategorienschemas von Leibniz, Locke und Kant sich teilweise durchgesetzt, nämlich in der theoretischen Denkweise der exakten Naturwissenschaft, die statt Substanzen nur noch mehrdimensionale Anordnungen von Ereignissen berücksichtigt, mit definitivem Abschied von der klassischen Substanzvorstellungen beim Bruch der Relativitätstheorie mit der Ätherhypothese, die bis in unser Jahrhundert aus rein ontologischen Gründen von den Physikern zäh festgehalten wurde. (S NGE 25)

Zusammenfassung

Gegenüber dem aus platonischer Erbschaft stammenden Formdenken, sieht er in solche Fragen ein Ereignisdenken, für das es bislang kaum Beispiele gibt, nach seiner Auffassung allenfalls bei Bergson, Heidegger und Lyotard. (WH-RL 100)

Ein in ähnliche Richtung drängendes Interesse ist dann bei Denkern in Europa und Nordamerika im 20. Jahrhundert zu beobachten, wenn sie das "es" für ihre Argumentation auf einer grundsätzlichen und radikal philosophischen Ebenen in den Vordergrund rücken. In diesem Sinne sind nicht nur die Wendung

  • des "es denkt" bei Lichtenberg und Nietzsche, auf die schon hingewiesen wurde, sondern auch
  • das "es gibt" bei Heidegger,
  • das "il y a" bei Levinas und
  • das "es glückt" bei Rombach zu verstehen.
Alle heben durch diese Wendungen Sachverhalte in die Aufmerksamkeit, die nicht anhand von direkten Aussageverhältnissen ausdrückbar sind. (RE-SuS 212)

Kritik

Der Begriff des Lebens eines Wesens ist gleichwohl nicht der eines Ereignisses, sondern vielmehr der einer Aktivität. (Schark 205)

Kritik am Konzept des Lebensstroms (Schark 207)

Wenn es bei der Frage nach dem Ursprung des Ich gelingt, den Strom der Bewusstseinsvorstellungen und -regungen zeitweilig anzuhalten, kommt es zu einer Gemütsstille, die als ein beglückender Zustand der Leere, aber auch als ein Durchflutetsein von einem milden inneren Licht erfahren wird. Gleichzeitig fühlt man sich schwere- und körperlos. (F-R 111)

Dazu gehört das Verständnis dafür, dass die Gegenwart kein Punkt ist, sondern ein Spielraum, in den der Lebenswille gestaltend sich ergießen kann wie in die Zukunft. Denn die wirkliche Gegenwart ist alles andere als ein Punkt. Sie hat eine ungeheure Breite und Tiefe. (S-SdG 177. Zit. aus: GE-WHe 57)

Kulturkritik an der Beschleunigungsmetapher

Wir wollen unbewusst gewissermaßen nur noch auf dem Laufenden sein, in Bewegung, weil Stillstand ausschließlich negativ besetzt ist und den Zusammenbruch bedeuten würde. ... Nur diese Dauerbelastung verschafft uns die Gewissheit, uns nicht auf uns selbst konzentrieren zu müssen. (MW-KK 59)

Richtung ohne Modalzeit unmöglich

Der Lagezeit ist keine Richtung zuzutrauen. Eine Richtung lässt sich nur aus dem Fluss der Zeit und damit aus der Modalzeit gewinnen.

Bremsen der Veränderungsgeschwindigkeit

Gefühle, leiblich fundierte Sinnimplikate und Leibgedächtnis stellen demnach natürliche, d.h. leibliche Bremsen gegen die Veränderungsgeschwindigkeit dar. (AB-BuB 280)

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