Leibgedächtnis

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Inhalte im Leibgedächtnis

Gedächtnissystem für

  • automatische Bewegungsabläufe
  • eingespielte Gewohnheiten
  • vertraute Wahrnehmungsgestalten oder Situationen

Das Leibgedächtnis entlastet unsere Aufmerksamkeit von einer Überfülle von Details und ermöglicht den unreflektierten Lebensvollzug. (F-LuL 245)

Primat des Leibgedächtnisses

Dem Leibgedächtnis kommt mithin nicht nur der Primat unter den Gedächtnissen zu, sondern es ist zusätzlich der Ermöglichungsgrund des expliziten Gedächtnisses. (AB-BuB 155)

Gedächtnis und Erinnerung

Unterschied zwischen einem Gedächtnis, das wir haben und der Erinnerung, die wir sind (J.Seewald, zit.n.: AB-BuB 211)

Ort des Unbewussten

Das Leibgedächntis ist der Ort des Unbewussten, das also nicht tief (vertikal) in dem unauffindbaren Bewusstseinsbehälter Psyche bzw. Seele zu suchen ist, sondern in der horizontalen Dimension des gelebten Leibes und der Zwischenleiblichkeit, also in den gelebten Beziehungen und Verhaltensweisen eines Menschen.

Im Leibgedächtnis sind früher erlebte Situationen und Handlungen eingeschmolzen, ohne dass sie sich noch als einzelne herausheben. Aus der Wiederholung und Überlagerung von Erlebnissen hat sich eine Gewohnheitsstruktur gebildet:

  • Eingespielte Bewegungsabläufe,
  • wiederkehrende Wahrnehmungsgestalten,
  • Handlungs- und Interaktionsformen
sind zu einem impliziten leiblichen Kennen oder Können geworden. Das Leibgedächntis vergegenwärtigt die Vergangenheit nicht, sondern enhält sie als gegenwärtig wirksame in sich. Dieser Ansatz konvergiert mit Ergebnissen der neuren Gedächtnisforschung zur zentralen Bedeutung des impliziten Gedächtnisses, das unseren gewohnten Verhaltens- und Handlungsweisen ebenso zugrunde liegt wie unseren unbewussten Vermeidungen von Handlungen (Schacter 1999; Fuchs 2000). (L-LuU 5)

Siehe: Horizontale Subjektivität

Sensomotorische Kopplung

Erst der Gestaltkreis von "Bemerken" und "Bewirken", Wahrnehmen und Bewegen erlaubt den geschickten Umgang mit den Dingen. Diese sensomotorische Verknüpfung ist ein wesentlicher Teil des Leibgedächtnisses.

Experiment:

  • Übt man auf einem Klavier eine bestimmte Tonfolge, so bildet sich mit der Zeit eine Koppelung der akustischen und motorischen Sequenzen aus. Es genügt dann, die Melodie zu hören, um auch die entsprechenden Bewegungsmuster der Finger aufzurufen. Die Melodie hat also für das Leibgedächtnis gewissermaßen die Nebenbedeutung einer Bewegungssequenz erhalten. Drückt man umgekehrt die erlenten Tasten auf einem stummen Klavier, so werden gleichzeitig die dazugehörigen Töne mitvorgestellt; die Tastenbewegungen evozieren jetzt unmittelbar Töne. (F-LuL 248f)

Beispiele für das Leibgedächtnis

  • Lesen und Schreiben: Die Aufmerksamkeit beim Lesen oder Schreiben richtet sich nicht auf die einzelnen Buchstaben oder Fingerbewegungen, sondern direkt auf die intendierten Worte. Das erworbene Schriftwissen ist "in den Fingern" und steht uns automatisch zur Verfügung, ohne explizit präsent zu sein.
  • Auch vertraute Instrumente oder Vehikel schließen sich als Medien dem Leib an:
    • Der Blinde nimmt seine Umgebung vermittels seines Stockes wahr (und zwar an dessen Spitze, nicht an der Hand);
    • der geübte Autofahrer hat sich das Fahrzeug "einverleibt", also ein Gefühl für seine Maße und sein Fahrverhalten entwickelt, so wie der erfahrene Seemann ein Gefühl für sein Schiff. (F-LuL 245f)

Klassifizierung des Leibgedächtnisses

(Quelle: Mitschriften von Thomas Fuchs Vortrag "Leibgedächntis" auf der Leibtherapie-Konferenz im März 2011 in Heidelberg)

  • knowing how, leibliches Vermögen, leibliches Können
  • schwer verbalisierbar (wie Tanzen wir einen Walzer?)
  • enthält latent die Vergangenheit als latent wirksame Erfahrung, gelebte Vergangenheit
  • leibliches Gedächtnis repräsentiert nicht, vermittelt im Vollzug
  • widerlegt eindrucksvoll den Dualismus von Bewusstsein und Körper
  • Abgrenzung vom expliziten Gedächtnis: deklaratives Faktenwissen, autobiographisches Gedächtnis
  • Träger unser eigenen personalen Identität, verkörperte Geschichte: Alles was wir wahrnehmen, lässt eine Spur in uns.
  • Leibgedächtnis als implizites Gedächntis mit folgenden Anteilen:

prozedurales Gedächtnis

Sensomotorische Fähigkeiten des Leibes, durch Übung und Wiederholung erworben.

  • Automatisierung (motorisch): Bildung von Bewegungsgestalten
  • Physiognomisierung (sensorisch): Bildung von Wahrnehmungsgestalten (Wortgestalten erlauben den Sinn des Wortes durchzusehen)
    • beruht auf einer Ähnlichkeitswahrnehmung
  • ermöglicht den unreflektierten Lebensvollzug
  • Leib wird zu einem Medium, durch das uns die Welt zugänglich wird. Aufmerksamkeit kann sich auf den Sinn richten, was uns begegnet. Wille wird dadurch frei, es genügt eine anfängliche Intention, um den Bewegungsbogen auszulösen. Wir hören uns beim Spielen selbst zu.
  • leibliches Lernen: explizites Tun zu vergessen, setzen lassen
  • leibliches Vertrautsein mit den Dingen, heisst Vergessen auf einen Untergrund, der unser alltägliches In-Der-Welt-Sein
  • Was wir vergessen haben, ist zu dem geworden, was wir sind.

Das implizite Gedächtnis in der Kognitionswissenschaft ist eher auf das prozedurale Gedächtnis beschränkt.

situatives Gedächtnis

  • orientiert an räumlichen Situationen, daher auch Raumgedächtnis
    • leibliche Erfahrungen verbinden sich mit Innenräumen: Wohnen und Gewohnheit
  • ganzheitliche Einheiten
    • Spaziergang durch die nächtlich erleuchtete Großstadt
    • Erfahrenheit: Tormann hat einen guten Riecher, Gesamteindruck
    • Psychiatrische Diagnostik

zwischenleibliches Gedächtnis

  • erster Eindruck eines Menschen im ersten unwillkürlichen Kontakt
  • Persönlichkeit kommt in seiner Leiblichkeit zum Ausdruck
    • leibliche Haltungen sind mit Interaktionsmuster verknüpft: Interaktionsmerkmale, Gefühlskomponenten
  • leibliche Persönlichkeitsstruktur: weiche Stimme, kindliche Mimik
    • integrierte sensomotorische, emotionale und soziale Entwicklung
    • Körpermikropraktiken (Downing)
  • Beziehungsmuster sind im Leibgedächtnis verankert: die Art der interpersonalen Kontakte, "schemes of being with" (Stern)
    • Ich mit Mutter beim Stillen, Ich mit Vater beim Spielen
    • leiblich-emotional-interaktiven Schemata: subtile Bereitschaften werden erlernt, mimetisches Lernen
    • Grundstrukturen des Beziehungsraumes werden so geprägt

inkorporatives Gedächtnis

  • Überformungen der primären Leiblichkeit durch Übernahme von Haltungen, Rollen, Benehmen "Marnieren": Kulturgeprägter Habitus
    • Mimik des Vorgesetzen werden angeignet
    • Kleinkinder übernehmen Rollen, und inkorporieren sie: Körper wird für Körper für andere
  • Außenaspekt kann zur zweiten Natur gemacht werden: Habitus, als verkörperte und damit vergessene Vergangenheit
  • auch Hemmung von leiblichen Impulsen: Trieb- und Affektkontrolle (Elias), Zurichtung des Leibes, Preussen hätten offensichtlich den Stock geschluckt, der sie geschlagen (Heine), Unterdrückung der Bauchatmung

Schmerzgedächtnis

  • Schmerzgedächtnis: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Ernste Verletzung sitzt noch "in den Knochen".
    • unbewusste Abwehr- und Vermeidungspraktiken
    • einschränkenden und schmerzhafte Empfindungen
    • Reaktivierung des Schmerzgedächtnisses auch durch spätere Anlässe (Großteil der Schmerpatienten)

traumatisches Gedächtnis

  • Trauma = Ereignis, dass sich nicht aneignen, in ein Sinnzusammenhang integrieren lässt
    • Vermeidungsstrategien
    • bleibt als Fremdkörper im Leib präsent
    • Reaktualisierung durch traumaähnliche Situationen: Unfallopfer geraten in Panik wenn im Verkehr ähnliche Situationen ähneln. Vergewaltigte wachen auch, zu der Zeit, zu der die Vergewaltigung stattfand.
    • Latente Empfindung eines Ausgesetztsein, Ohnmacht: können Urvertrauen in die Welt irreversibel erschüttern

Sinnimplikat

  • leibliche Gedächtniseinschlüsse
  • Nachklänge von Vergessenem und Verdrängtem
  • Vorverweise auf Zukünftiges

Leibgedächtnis und Therapie

  • Explikation von Sinnimplikate in der Therapie: Focusing, konzentrative Bewegungstherapie
  • Traumabezogene Therapie als Explikation traumatischer Inhalte
  • Einübung und Verkörperung neuer Erfahrung und Fähigkeiten (Entspannung, Rollenspiel, Psychodrama, Aufstellung)
  • Kreative Therapie (Musik, Kunst, Tanz)
  • Verständnis der therapeutischen Interaktion als enactment (Lorenzer 2002, Heiterkamp 2003)