Seele

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Seele ist häufig Synonym mit Psyche. Siehe auch: Seele im Dreieck

Seelenvorstellung als Erbe der griechischen Philosophie

Die Seelenvorstellung im heute üblichen Sinn eines dem Körper an Einheitlichkeit mindestens gleichkommenden Verbandes aller Erlebnisse (bewusst oder unbewusst) eines Menschen, eines alles am Menschen außer dem Körper umfassenden Verbandes oder gar substantiellen "Trägers" der Erlebnisse, ist ein Erbe der griechischen Philosophie des 5. Jahrhunderts v. Chr. und konsolidiert sich erst an der Wende zum 4. Jahrhundert, um für Platon und dessen Nachfolger schon selbstverständlich zu sein; wenn in anderen (z.B. ostasiatischen) Kulturen ein Seelengedanke aufzutreten scheint, handelt es sich um eine wesentlich andere Deutung des Gesamterlebens: Nämlich als Konzept von Partialseelen oder besser nicht integrierten Regungsherden in dem Sinn des Wortes "Herd", wie man von Eiter- oder Krankheitsherden spricht. (S-LuG 93f)

Seele bei Platon

  1. Die Person hat als Seele die Initiative der Überlegung.
  2. Sie ist dabei, sich ansprechend, allein und "Herr im Haus", ohne dass ein Regungsherd nach Art des homerischen Thymos eine Rolle spielte.
  3. Was sie denkt, ist ihrem eigenen Urteil unterworfen, denn im stummen Dialog ist ihr ja auch die antwortende Stellungnahme zum eigenen Zuspruch überlassen.
  4. Der Sprecher und Adressat des Gesprächs ist zugleich der Raum, in dem sich dieses abspielt: die Seele als Innenwelt. (S-LuG 294f)

Bedeutungen von Seele

Seele als Subjekt

In der Tradition fungiert die Seele als das Subjekt, das durch in ihm enthaltene Ideen Objekte denkt (Descartes) oder vorstellt (Leibniz). (S-BW 11)

Seele als Behausung

Die Vorstellung einer Seele als privater Innenraum ist Ausdruck des Psychologismus.

Eine lange Geschichte führt in Griechenland zur Einmauerung des individuellen Erlebens in eine abgeschlossene und durch eine die Stockwerke von oben her durchgreifende Regie zentralisierte Behausung in der Seele. (S-WNP 342)

Nach meiner Überzeugung ist die Seele nichts Vorfindbares, sondern ein ideologisches Konstrukt, von den Griechen ausgedacht, um das gesamte Erleben eines Menschen in einer privaten Innenwelt unterzubringen, damit er als Vernunft Herr im eigenen Hause über die unwillkürlichen Regungen, namentlich die leiblichen und die durch sie eingreifenden Gefühle, werden kann. (S-L 5)

Das Neue an der Neuen Phänomenologie beruht auf dem Durchbruch durch die Abstraktionsbasis der traditionellen europäischen Intellektualkultur. Der Reduktionismus, die Introjektion und das Innenweltdogma werden überwunden. Dadurch verliert die Subjektivität ihren traditionellen Platz: die Seele. (S-WzNP 15)

Ein seit Platon in die abendländische Bewußtseinsgeschichte eingeführter, fiktiver Innenraum, in den leibliche Regungen, leibliches Betroffensein von Gefühlen, Vorstellungen und Gedanken "introjiziert" und damit enträumlicht werden. Die historische Anthropologie ist in Verbindung mit der Phänomenologie in der Lage, diese geschichtliche Entwicklung der Introjektion aufzudecken und als Schein zu überführen. Die Reduktion der Räumlichkeit auf einen körperlichen Außenraum und einen seelischen Innenraum ist zu überwinden. Es ist zwischen einer dimensionalen und einer topischen Räumlichkeit zu unterscheiden.

Siehe: Psyche, Grenze

Seele als Garant des zentrierten Erlebens: Haus und Herr im Haus

Das Konzept der Seele ist im Zuge der psychologistisch-reduktionistisch-introjektionistischen Vergegenständlichung aus dem Bemühen durchgesetzt worden, durch Abgrenzung und Zentrierung des Erlebens der Person deren personale Emanzipation gegen die Auslieferung an das Konzert halbautonomer Regungsherde und ergreifende Mächte anderer Art (Götter, Eros, aufsteigende Wut u.a.) zu stärken. Zu diesem Zweck wurde das gesamte Erleben einer Person in den festen Rahmen einer privaten Innenwelt eingeschlossen, wie in ein Haus, in dem sie der Herr zu sein hat, indem sie als Vernunft zentrierend ihre übersichtlich eingegrenzten und in Schichten geordneten unwillkürlichen Regungen auf sich ausrichtet, beaufsichtigt und im willentlichen Entschluss beherrscht. (S-SdG 129)

... Seele, eines Konstruktionsprodukts, das die europäische Intellektualkultur nach Homer sich zurechtgemacht hat, um das personale Subjekt als Herrn im eigenen Haus etablieren zu können; das dabei leitende Interesse am Verhältnis zu sich, an Selbstkontrolle und Selbstermächtigung gegen die eigenen unwillkürlichen Regungen, verrät sich an der dabei unterlaufenen Verwechslung, dass man dieselbe Seele zugleich zum Haus und zum Herrn im Haus gemacht hat, mit der Folge des absurden, aber tiefernst genommenen erkenntnistheoretischen Scheinproblems, wie man aus sich selbst herauskommen könne, um Dinge zu erkennen, die nicht in diesem Haus sind. (S-NGdE 189)

Seele als Leib: das Leibseelische

Vieles, was man als Seele gedacht hat, findet im Leib (nicht Körper) seine erfahrbare räumliche Entsprechung.

Die "Seele" ist keine unräumliche Innerlichkeit, sondern die Wirklichkeit unseres leiblichen Gegenwärtigseins in der Welt. (F-LRP 91)

Auch Lüke möchte das Problem des Grabens lösen, auch er möchte den Substanzendualismus vermeiden. Um dies zu tun, modifiziert er den Seelenbegriff der Tradition radikal. Er versucht die Seele als sich mit Materialität und Geschichte aufladende zu denken, um auf diese Weise den Gedanken einer Auferstehung im Tod mit dem Konzept eines der Materialität und Geschichtlichkeit der Welt korrelierten personalen Kontinuitätsträgers zusammendenken zu können. Aber den gleichen Dienst könnte ein phänomenologischer Leibbegriff erfüllen. (Schärtl in AdL 76)

Plotin: Die Seele im ganzen Körper

Die ganzheitliche Gegenwart der Seele im Körper und allen seinen Teilen = Modell der Vieleinigkeit (Mannigfaltigkeit).

Die Seele ist unteilbar im ganzen Körper zugegen, nicht mit einem Teil hier, mit einem anderen dort, sondern überall ganz, also ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile. (S-DWdeP1 326 über Plotin)

Die Seele, die ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile ist, dient Plotin also als Prototyp der Vieleinigkeit eines Ganzen, das durch Verteilung auf viele Stellen in seiner Einheit und Ganzheit nicht im Mindesten beeinträchtig wird. (S-DWdeP1 328)

Die plotinische Formel, dass die Seele ganz in allen Körperteilen und in jedem von ihnen als ganze ist (...), die in der Aufklärung verspottet, aber noch von Kant aufgegriffen wurde, hat also einen stichhaltigen Kern, unabhängig von der Seelenvorstellung. (S-DWdeP1 327)

Seele als verlierbarer Selbst-Anteil der Person

Anstelle der Seele setzt die Phänomenologie die persönliche Situation.

"Die Seelen nahme der Äther auf, die Körper aber die Erde." Inschrift des athenischen Staates zu Ehren der Gefallenen der Schlacht bei Poteidaia (432 v. Chr.) (S-L 140)

Wenn der Mensch den schweren Kampf gegen diese Herausforderung nicht besteht, steht er ohne Seele da. Sie ist für Heraklit nicht wie für Platon (...) der eigentliche Mensch, sondern ein nur locker in dessen Hand befindlicher Besitz, ähnlich wie die Gedanken, die einen "anfliegen" und in die eigene Natur einwachsen oder wieder fortfliegen können, nach Empedokles (...). In vielen archaischen Kulturen gibt es ähnliche Vorstellungen: Krankheit beruht darauf, dass die Seele weggegangen ist; der Schamane wird gerufen, der ihr nachreisen und sie zurückholen soll. (S-DWdeP 53)

Siehe: Schamanismus, Selbstintegration

Seele als transpersonaler Anteil der Person

Siehe: Transpersonaler Selbst-Anteil

Plotin: Seele und Gesamtseele

Plotins Seelen sind nicht abgeschlossene private Innenwelten wie die platonischen; sie hängen, einschließlich der Weltseele, vieleinig mit einander und mit der sie einschließenden Gesamtseele zusammen, ... (S-DWdeP1 345)

Plotin [denkt] vom Ganzen her mit einem Konzept der Allsympathie, das zwar überspannt ist, aber als fruchtbarer Keim in Betracht gezogen werden kann, womit der Grund gelegt ist zu einer Theorie der leiblichen Kommunikation, mit der die phänomenologische Aufklärung der Struktur aller Kontakte einschließlich der Wahrnehmungen gelingen kann. (S-DWdeP1 345f)

Siehe: Verschränkung

Motive für die "Erfindung der Seele"

[Die Psyche als] ein solches Sammelbecken ist ein Konstruktionsprodukt, das hauptsächlich erdacht worden ist, um zwei Bedürfnisse zu befriedigen:

  1. Das Bedürfnis nach Zentrierung, den Menschen vom Diktat der unwillkürlichen Regungen (leibliche Regungen, Gefühlsregungen, darunter namentlich numinose Regungen) zu entlasten und ihm im Umgang mit diesen die Regie so zu übertragen, dass er sein eigenen Verhalten mit Einsicht zu steuern vermag und dafür ohne den Entschuldigungsgrund der Besessenheit durch ergreifende Mächte verantwortlich gemacht werden kann. ...
  2. Das Bedürfnis, die Welt möglichst weitgehend so zu vergegenständlichen, dass als Abstraktionsbasis der zu dieser Vergegenständlichung gehörigen Begriffsbildung nur wenige intermomentan und intersubjektiv gut identifizierbare Merkmale herangezogen werden müssen, wodurch es nötig wird, für den Rest (z.B. für die Gefühle und überhaupt alles Atmosphärisch) einen Abladeplatz zu finden, ... (S-LuG 95)

Selbstbemächtigung

  • Selbstbemächtigung: Das Bedürfnis nach Zentrierung und Bemächtigung der unwillkürlichen Regungen

Weltbemächtigung

  • Weltbemächtigung: Das Bedürfnis nach einem Abladeplatz für die Reste der intermomentanen und intersubjektiven Vergegenständlichung

Logische Analyse der Gedankenschritte

Logisch analysiert, beruht das [Seelenkonzept] auf zwei Gedankenschritten: (S-LuG 95)

1. Innenwelthypothese

Annahme der Innenwelthypothese: Für jeden Menschen zerfällt die Welt in seine Außenwelt und seine Innenwelt mit der Maßgabe, dass ihm einen Gegenstand seiner Außenwelt höchstens dann zu Bewusstsein kommen kann, wenn er in seiner Innenwelt mindestens einen Vertreter hat. ... (S-LuG 94)

2. Introjektionismus

Introjektion: Der Weltinhalt, der sich der reduzierten Vergegenständlichung durch wenige dürftige, aber geschickt gewählte Merkmale entzieht, wird der gemäß der Innenwelthypothese etablierten Seele eingelagert. (S-LuG 95f)

Zitate

  • Grenzen der Seele wirst du nicht finden, wenn du auch jede Straße abschreitest. (Heraklit, aus S-WNP 342)
  • Die Seele ist der unsichtbare Körper und der Körper ist die sichtbare Seele. (Osho)