Innenwelthypothese

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Mit Innenwelthypothese bezeichnet Schmitz die raumgreifende Folge des platonisch-cartesischen Dualismus und die Wirkung, dass dem Menschen "die Welt in einer Außenwelt und eine Innenwelt" zerfällt. Diese Aufspaltung hat Folgen für das Fühlen der Gefühle und für die Leiblichkeit des Menschen. Das Gefühl wird aus Sicht der Anhänger der Innenwelthypothese als Projektion verstanden, wobei demnach das Gefühl primär subjektgebunden ist und vom Subjekt auf die es umgebende Welt übertragen - projiziert - wird. (AB-BuB 140)

Unterscheidung: Innenweltdogma und Immanenzdogma

Innenweltdogma

Innenweltdogma: die Lehre, dass für jeden Bewussthaber die Welt in seine Innenwelt und seine Außenwelt so aufgeteilt ist, dass ihm ein Gegenstand seiner Außenwelt höchstens dann bewusst sein kann, wenn dieser Gegenstand in der Innenwelt des Betreffenden mindestens einen Vertreter hat (S-NWdeP 824f)

Das Innenweltdogma, dem von Demokrit bis (ausschließlich) zur Richard Avenarius alle Philosophen und seit diesem fast alle Philosophen anhängen, wurde ... folgendermaßen gefasst:

Für jeden Bewussthaber zerfällt die Welt in seine Innenwelt und seine Außenwelt mit der Maßgabe, dass ihm ein Gegenstand seiner Außenwelt höchstens dann zu Bewusstsein kommt, wenn dieser Gegenstand in der Innenwelt des Betreffenden mindestens einen Vertreter hat. (S-HuH 90)

Für jeden Bewussthaber zerfällt die Welt in seine Außenwelt und seine Innenwelt mit der Maßgabe, dass ihm ein Gegenstand seiner Außenwelt höchstens dann zu Bewusstsein kommen kann, wenn er in seiner Innenwelt mindestens einen Vertreter hat. (S-NGE 16)

Immanenzdogma

Dieses Innenweltdogma wird von einer einflussreichen Philosophenschulen übergreifenden Tradition zum Immanenzdogma verschärft, wonach der Bewussthaber in einer abgeschlossenen Innenwelt mit den Vertretern von Gegenständen seiner Außenwelt allein gelassen und der Verlegenheit ausgesetzt ist, wie er von den Vertretern zu den vertretenen Gegenständen, die er als Bewussthaber dann nicht besuchen kann, eine Brücke schlagen soll. Im Altertum tauch dieses Dogma in der Gestalt, dass der Verstand durch die sinnliche Wahrnehmung von der ihm durch diese bezeugten Außenwelt getrennt wird und statt des Bezeugten mit den fragwürdigen Zeugen vorlieb nehmen muss, zuerst bei Demokrit auf, dann bei den Skeptikern Karneades und Sextus Empiricus, in der härtesten Fassung aber bei den hedonistischen Kyrenaikern: "Wie im Belagerungszustand von den äußeren Dingen Abstand nehmend, schlossen sie sich in de Affektionen ein." Sei Descartes steigt das Dogma bei den Philosophen raketenhaft im Ansehen, so bei Locke, Hume, und Leibniz, später bei Kant und in krasser Zuspitzung bei Fichte. (S-HH 90f)

Immanenzdogma: die Lehre, dass für jeden Bewussthaber seine Innenwelt so abgeschlossen ist, dass er nicht aus ihr heraustreten kann (S-NWdeP 824)

Siehe auch: Introjektionismus, Projektionismus, Psychologismus, Dualismus, Weltspaltung

Geschichte der Innenwelthypothese

..., dieses [Immanenz-]Dogma, das aus der Antike (Skeptiker, Kyrenaiker) stammt, setzt sich von Descartes bis zu Husserl, den Satre zu Unrecht als Überwinder dieser von ihm verachteten "Verdauungsphilosophie" ausgab, bei vielen Denkern wie eine selbstverständliche Wahrheit fest, krass zum Beispiel bei Fichte (Die Bestimmung des Menschen , 2. Buch), aber auch bei Leibniz, Kant und ihren Nachfolgern. (S-DWdeP 151)

Leibniz

Die klarsten Formulierungen dafür in der klassischen Tradition finde ich bei Leibniz, dessen Monadenlehre die radikale Durchführung und entschiedenste Ausgestaltung der Innenwelthypothese ist: Wir sehen, schreibt er alles nur in unseren Seelen, und nur durch die Erkenntnis, die wir von der Seele haben, erkennen wir das Sein, die Substanz und Gott, die Ausdehnung und die Körper aber durch Reflexion auf unsere Gedanken. ... So exzessiv wie hier bei Leibniz ist die Innenwelthypothese selten produktiv, doch hat sie auch in bescheidenerer, nur auf unterscheidbare "Bewusstseinsinhalte" bezüglicher Anwendung, durch Zuordnung von Repräsentanten zu Objekten die Innenwelt um viele Erdichtungen bereichert; die meisten intentionalen Akte im Sinne der älteren phänomenologischen Schule (Husserl, Pfänder, Scheler u.a.) gehören dazu. (S-NGE 16)

Freud

Mit der Charakterisierung von vorgängen als "innerseelischen" griff Freud auf die platonisch-catesische Innenwelt-Terminologie zurück, wobei (wie gezeigt) Introjektion und Projektion Hand in hand gehen. Durch Introjektion entsteht zuerst die Struktur der Innenwelt, dann soll aus dieser in die Außenwelt projiziert werden, indem man Erinnerungskomplexe, die man nicht wahr haben will, abspaltet und als Dämonen dann im Außen wiederfindet, ohne gemerkt zu haben, dass man sie nach dort 'verbannte'. (GR-IE_II2 349)

Cassirer

Trotzdem war die auf der Projektionsthese beruhende Sicht der Dämonenentstehung historisch sehr wirkmächtig. Sie übernahm beispielsweise auch Cassirer, indem er (1925, 194) davon aus ging, dass die "magische Weltansicht" "nichts anderes als eine Übersetzung und Umsetzung der Welt der subjektiven Affekte und Triebe in ein sinnlich-objektives Dasein" sei. "Nichts anderes als" ist ähnlich reduktionistisch wie Freuds obiger "primitiver Mechanismus". Mit dem Bild von der "Übersetzung und Umsetzung" verdeutlich Cassierer nur, wie stark er im Innen-Außenwelt-Denken befangen blieb. (GR-IE_II2 349)

Kritik

  • Nietzsche
  • Empiriokritizisten: Avenarius und Mach
  • Husserl

Empiriokritizisten: Avenarius und Mach

Neben der oben angeführten Position Nietzsches waren es vor allem die Empiriokritizisten Avenarius und Mach, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts – allerdings ohne Aufarbeitung der historischen Entwicklung – die Innen-Außen-Unterscheidung angriffen. Avenarius widmete dem Problem der Introjektion und deren Aufhebung sein Buch Der menschliche Weltbegriff. Für ihn (...) befand sich das Ich "inmitten einer Umgebung" vor, die "aus mannigfaltigen Bestandteilen zusammengesetzt" war, und um einen hinsichtlich der Abgrenzung in Außen- und Innenwelt neutralen Terminus zu gebrauchen, sprach er (...) bei Charakterisierung dieses Mannigfaltigen von "Vorfindungen." (GR-IE_II2 152)

Mach (...) sprach in diesem Zusammenhang antstatt von Vorfindungen von "Elementen" oder "Empfindungen", die sowohl die Welt als auch das Ich bildeten, so dass ihm "die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängend" erschien. Diese Erfahrung Machs (und vielleicht auch der Ansatz von Avenarius) verweist allerdings auf eine chaotische Ununterscheidbarkeit der Dinge, wie sie sich präsentiert, wenn die weltbildkonstituierenden, abgrenzenden Funktionen des Verstandes zum Erliegen kommen. Sie ähnelt die jenen mystischen Erfahrungen, die Schopenhauer für seine an indischer Mystik gewonnene Aufhebung des Willens in Anspruch nahm.

Damit gibt es aber – zumindest in der mystischen Erfahrung – keinen Ort mehr für die Subjektivität und die gespürte seinsgewissheitliche Evidenz; mystische Ethikansätze laufen zwangsläufig auf eine Entpersonalisierung hinaus; die das subjektiv-leibliche Fundament des Menschen in der Lebenswelt mit seinen biografisch eingeschriebenen Dispositionen als letztlich illusionär entlarvt. (GR-IE_II2 152f)

Husserl

... doch fiel Husserl immer wieder in ältere Auffassungen zurück. Der einzige Unterschied zu den zurückgewiesenen Ansichten bestand darin, dass Husserl die Gegenstände nicht erst in die Seele hineinkommen ließ – darin sah er das größte Problem der Verkapselungstheorien –, sondern dass er sie von Anfang an bereits im Bewusstseinsstrom lokalisierte. Damit gelang es ihm aber letztendlich nicht, paltonischem Einfluss zu entgehen. Auch er betrachtete die Seele als eine Innenwelt und dachte sie als einen abgeschlossenen Bereich, indem die so genannten Bewusstseinsvorgänge abliefen. (GR-IE_II2 154)

Scheler

Ohne Seelen-Begriff kam auch Scheler, der Kritik an der Auffassung der Introjektion von Avenarius übte, nicht aus. Diese Kritik ist nicht wirklich überzeugend, denn einerseits betonte er zwar, dass der Unterschied zwischen Individuum und Umwelt "psychophysisch indifferent" sei, also nicht auf Körper und Seele verteilt werden könnte, andererseits warnte er davor diesen Unterschied mit dem zwischen "Ich und Außenwelt" zu verwechseln. (GR-IE_II2 154f)

Heidegger

Heidegger (...) kritisierte sowohl psychologische Ansätze als auch die husserlsche Konzeption. "Die gewöhnliche Psychologie" fasse "das Wollen, Wünschen, Hängen und Drängen als Formen der psychischen Tätigkeit auf, als psychische Akte und Triebe, wobei die 'Psyche' als ein für sich bestehender, innerer Bezirk gedacht" werde. Dovh "von solchen Psychismen" gelange man "indessen nie zur Sorge-Struktur, zum In-der-Welt-sein". (GR-IE_II2 155)

Die Stimmung überfällt. Sie kommt weder von 'Außen' noch von 'Innen', sondern steigt als Weise des In-der-Welt-seins aus diesem selbst auf. ... Das Gestimmtsein bezieht sich nicht zunächst auf Seelisches, ist selbst kein Zustand drinnen, der dann auf rätselhafte Weise hinaus gelangt und auf die Dinge und Personen abfärbt. (Heidegger in: GR-IE_II2 155)

Bollnow

Dass Bollnow ... Heidegger kritisch folgte, wurde schon kurz erwähnt und auch darauf aufmerksam gemacht, dass sein Begriff der Stimmung, als einer "der Spaltung zwischen Mensch und Welt noch vorausliegenden ursprünglichen Einheit" (1956, 26), noch hinter die "schon ursprüngliche Einheit beider" zurückreichen sollte (1956, 40). (GR-IE_II2 156)

Merleau-Ponty

Daran anschließend lässt sich mit Blick auf Merleau-Ponty nach Frostholm (...) dessen Position so zusammenfassen, dass er "das Verhältnis von Innen und Außen als ein Spannungsverhältnis, bzw. als eine Begegnung in einer Situation oder in einem Feld" begriff, "in dem sich die beiden Momente gegenseitig" bestimmten. "Inneres und Äußeres" seinen "demnach zwar unterscheidbar, aber in gewisser Weise voneinander untrennbar". (GR-IE_II2 156)

... Merleau-Ponty (1966, 44), der bereits dei Sicht der Gefühle von "Freude und Traurigkeit, Lebhaftigkeit und Erschlaffung" als "Gegebenheiten der Introspektion" als lediglich "verarmte Wahrnehmung" kritisiert hatte. (GR-IE_II2 51f)

Schmitz

Heidegger weiterführend und and die Bemühungen von Scheler, Klages und der phänomenologischen Tradition von Bollnow, Tellenbach, Merleau-Ponty u.a. anknüpfend, aber auch Elias aufgreifend und historische Studien zu den frühen Griechen einbeziehend, widmete sich dann in der 'Neuen Phänomenologie' Schmitz (1989) dem Verhältnis von Leib und Gefühl sowie der Frage nach der Lokalisation bzw. dem ontologischen Status von Gefühlen. (GR-IE_II2 51)

Auch Schmitz, so lässt sich noch anmerken, argumentierte ausführlich gegen das Innenweltdogma. Mit seiner "Neuen Phänomenologie" dürfte es endgültig gekippt sein, auch wenn seine ontologische Fundierung der Gefühle eigene Probleme mit sich bringt. (GR-IE_II2 156)

Mead

Es sei ein Fehler, anzunehmen, das alles, was wir Denken nennen, im Organismus lokalisiert oder in das Innere des Kopfes oder des Gehirns gesteckt werden könnte. In diesem Sinne wandte er (...) sich klar gegen eine Innen-Außen-Dichotomisierung sowie gegen eine "Innenwelt" oder ein "privates und psychisches Feld". (GR-IE_II22 158f)

Allerdings verfiel Mead – wohl unter dem Einfluss seines behavioristisch getönten Sozialapriorismus – dabei einem erstaunlichen Reduktionismus, denn er reduzierte den 'Geist' (mind) auf nichts anderes als den Import des externen sozialen Kommunikationsprozesses in das Verhalten des Individuums. Was aber ist mit der Kreativität, Sensibilität und Abstraktion, möchte man fragen, und der Anlage dazu? ... Doch trotz dieser problematischen Reduktion von Mead bleibt seine Kritik am Innenwelt-Dogma ein wesentlicher und weiterführender Beitrag. (GR-IE_II22 159f)