Subjektive Tatsache

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Eine subjektive Tatsache kann höchstens einer, nämlich der Betroffene, aussagen. Im Unterschied zur neutralen Tatsache, die jeder aussagen kann, sofern er genug weiß und gut genug sprechen kann.

Subjektive Tatsachen als eigene Tatsächlichkeit

Subjektive Tatsachen sind:

  • keine Perspektive
  • keine Gegenbenheitsweise
  • sondern haben eine eigene Art der Tatsächlichkeit neben der objektiven.

Keine Menge objektiver Tatsachen kann Ursache einer subjektiven Tatsache sein. ... Die subjektiven Tatsachen sind also ursprünglicher als die erst durch Wegfall der Subjektivität für jemand möglichen objektiven oder neutralen Tatsachen. (S-LU 87)

Subjektive Tatsache 1. Ordnung: Konstruktion als Bedeutungsgebung

  • Solange gesagt wird, das ist NUR eine Konstruktion, behandele ich Konstruktionen als Tatsachen minderer Qualität, z.B. als Perspektivtatsachen. Konstruktionen werden als nachträgliche Bedeutungsgebungen für primär objektive unbedeutsame Tatsachen angesehen (Projektionismus).
  • Als Tatsachen höherer Qualität werden die objektiven Tatsachen angesehen.
  • Bleibt man bei subjektiven Tatsachen der ersten Ordnung stehen, dann ist man Vertreter eines radikalen Konstruktivismus

Subjektive Tatsache 2. Ordnung: Eigene Tatsächlichkeit

Beispiele

  • "Ich liebe dich."
  • "Ich habe gesündigt."
  • "Hilfe, ich ertrinke."

Folgende Beispiele sollen verdeutlichen, was passieren würde, wenn es keine subjektiven Tatsachen geben würde, sondern nur neutrale Tatsachen ausgesagt werden (bei einer Person namens "Peter Schulze"):

Liebeserklärung

  • "Peter Schulze liebt dich, überflüssig hinzuzufügen, dass ich er bin."
  • Das angesprochene Mädchen ist verstimmt; es möchte sagen und sagt vielleicht: "Das ist doch gar nicht überflüssig, gerade darauf kommt es mir an."

Die Liebeserklärung ist daher keine bloße Feststellung, sondern sie enthält zwar eine solche, aber in der Sonderform einer Beteuerung, eines Geständnisses, das zur Feststellung die demonstrative Darbietung der Subjektivität des Festgestellten für den Sprecher hinzubringt. (S-LU 86)

Beichte

  • Sünder: "Peter Schulze hat gesündigt."
  • Beichtvater: "Sprich: Ich habe gesündigt"
  • Sünder: "Das ist doch ganz überflüssig."
  • Beichtvater verweigert die Absolution.

Hilfeschrei aus dem Wasser

  • "Hilfe, Peter Schulze ertrinkt, überflüssig hinzuzufügen, dass ich es bin."

Das ist kein echter Hilferuf; der hilfsbereite Mitmensch, der auf den Ruf "Hilfe, ich ertrinke" sofort reagiert hätte, wird ersteinmal neugierig nachsehen, was eigentlich los ist. (S-KE 33)

Folgen

Die Entdeckung der subjektiven Tatsachen hat im Negativen wie im Positiven wichtige Folgen: (Vgl: S-WNP 16)

Negative Folgen

  • Der Psychologismus der dominanten europäischen Intellektualkultur kommt an sein Ende.
  • Die ... ironistische Verfehlung des abendländischen Geistes kann durch Aufdeckung eines Irrtums an ihre Wurzel behoben werden. (S-WNP 16)

Positive Folgen

  • Das Problem der Freiheit im Sinne einer notwendigen und zureichenden Bedingung sittlicher Verantwortung wird endlich lösbar.
  • Die Dauer der Person, die als sie selbst, nicht nur mit zeitlichem Teil von sich, in den sukzessiven Phasen ihres Lebens mit verschiedener Gestaltung gegenwärtig ist, kann als für sie subjektive Tatsache verstanden und gerechtfertig werden. (Vgl: S-WNP 17)

Subjektive als topische Tatsache

Es bietet sich aus verschiedenen Gründen an subjektive Tatsachen als topische Tatsachen neu auszulegen.

Verwechslungen

Nicht notwendig privat

Subjektive Tatsachen hat Hermann Schmitz als diejenigen Tatsachen, die höchstens einer, und zwar nur im eigenen Namen aussagen kann. Das bedeutet nicht, dass die Anderen nicht über die betreffende Tatsache reden könnten; zur Struktur subjektiver Tatsachen gehört nämlich nicht notwendig ihre Privatheit. Dieser Umstand wird unter dem Einfluss von Wittgenstein in der gegenwärtigen Diskussion von vielen angelsächsischen Autoren verkannt. Subjektive Tatsachen können, auch wenn sie anderen Personen bekannt sind, von ihnen nur nicht im Vollsinn ausgedrückt werden, weil es einem Anderen unmöglich ist, die Nuance dass es um mich geht, dass etwas mir nahegeht, wiederzugeben. (MG-PMS 32)


Ursprünge

Fichte

An allen objektiven Tatsachen, die sich registrieren lassen, findet Fichte hiernach kein Kennzeichen dafür, dass der Vorrat an Vorkommendem, der den Namen "Johann Gottlieb Fichte" trägt und gerade schreibt, er selber ist. Eigentlich hat er damit die subjektive Tatsachen entdeckt, aber das merkt er nicht, weil er mit allen Menschen bis zu ihm und mit fast allen Menschen bis heute alle Tatsachen und sonstigen Sachverhalte selbstverständlich für objektiv hält. (S-WNP 377)

Wittgenstein

Übertriebenes Privatsprachen-Argument.