Primitive Gegenwart

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Ich - Hier - Jetzt

Ich Jetzt Hier.png

Erfüllt Nicht erfüllt
Ich
  • Eigenes, unterschieden vom Fremden
  • Fremde Gefühle, Empfindungen, Gedanken
Jetzt
  • in der beobachtenden Rolle
  • als aktueller Beobachter
  • in früheren Zeiten: kindliche, jugendliche Anteile
  • in zukünftigen Zeiten: Angst vor Gefahren
Hier
  • meine Leibeserfahrungen
  • Ausleibung
  • Immersion

Der Begriff der vollständigen Gegenwart ist von dem französischen Psychiater Eugène Minkowski mit seiner Rede "Ich-Hier-Jetzt" (Moi-ici-maintenant) großenteils vorweggenommen worden. (S-I 205)

Hier und Jetzt, aber nicht Ich

Bedeutung: Ich fühle hier und jetzt Dinge, die gar nicht zu mir gehören.

... dieses "Hier" hat keinen Wert außer durch Bezug auf dieses Jetzt und nicht, mindestens nicht schlechthin, auf einen anderen Punkt des Raums, und deswegen scheint es - fern davon, uns im geometrischen Raum, wo alles relativ und umkehrbar ist, anzusiedeln - für mich durchaus einen absoluten Punkt im Raum auszuzeichnen, den nämlich, wo ich mich wirklich finde und der für das handelnde Ich ein wahrhaftes Weltzentrum ist. (Minkowski, S. 116. Zit.n.: S-I 209)

Leibliche Stellvertretung für Andere

Ich stehe zum ersten Mal in einer Familienaufstellung. Ich spiele einen mir unbekannten jungen Mann. Ich sehe keine Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir. Plötzlich werde ich vom Leiter aufgefordert, etwas zu tun: Ich soll einem andern Mann, – ich hab ihn noch nie gesehen, aber jetzt spielt er meinen Vater, -in die Augen schauen. Ich schaue nicht gern so lange in die Augen von Leuten. Ich denke noch, es wird mir unendlich peinlich sein. Aber ich tu´s halt. Es ist ja nicht mein Problem. Und zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass es mir überhaupt nicht peinlich ist, sondern dass ich Tränen in die Augen bekomme, und mich sagen höre: „Ich hab dich vermisst.“ Und es stimmt. Etwas in mir weiß, dass das genau die Wirklichkeit zwischen diesem Sohn und diesem Vater ausdrückt, ihre und nicht meine. Wie konnte ich das wissen und spielen und sein, mit meiner ganzen Figur? Dass ich so was tue, das passt nicht zu mir. Vielleicht war es Zufall oder ein seelischer Ausrutscher oder etwas Unbewusstes. (Das Unbewusste soll ja zu allem Möglichen gut sein.) Aber dann passiert es mir ein zweites und ein drittes Mal in ganz unterschiedlichen Rollen, einmal sogar muss ich eine Frau spielen, was ich wirklich nicht erlebt haben kann, auch noch so unbewusst nicht. Und jedes Mal habe ich etwas Neues und mir bisher Fremdes ganz in mir selbst gefühlt. Wer bin ich denn überhaupt? Bin ich so leer, dass ich beliebige fremde Eigenschaften aufnehmen und die eigenen ebenso beliebig loslassen kann? (Siegfried Essen: Leibliches Verstehen, S. 3)

http://www.siegfriedessen.com/publikationen.php?DOC_INST=7

Siehe: Repräsentierende Wahrnehmung, Präsenz, Fremde Gefühle, Besessenheit/ Besetzung, Mensch als Medium,

Vergleich mit: Depersonalisation, Ich-dyston

Einführung

In der primitiven Gegenwart wird ohne Identifizierung der gefunden, für den die Tatsachen subjektiv sind.

Die Selbstfindung ist aber nicht auf die primitive Gegenwart eingeschränkt.

Tatsächlich ist aber die primitive Gegenwart in der Welt das Einzige, das durch sich selbst einzeln oder eindeutig dieses ist. (S-H 39)

In dem Leben aus primitiver Gegenwart kommt keine Abgeschlossenheit vor, vielmehr Empfänglichkeit für den Einbruch des Neuen und ein Dialog, der sich zum Spiel mit verteilten Rollen aufspreizt, im Kanal des vitalen Antriebs. (S-KE 45)

Wir personalen Menschen leben zum großen Teil aus primitiver Gegenwart, nämlich bei allen routinierten, unwillkürlich ablaufenden Verrichtungen, die wir zum großen Teil mit den Tieren gemein haben. (S-KE 42)

Primitive Gegenwart.png

Fünf Dimensionen der Entfaltung der primitiven Gegenwart:

  • 1. Hier: absoluter Ort und Weite
  • 2. Jetzt: absoluter Augenblick und Dauer
  • 3. Sein: Sein und Nichtsein
  • 4. Dieses: absolute Identität
  • 5. Ich: das Eigene und das Fremde

Entfaltete Gegenwart.png

Siehe: Ich und Es, unwillkürlich

Hier

vom absoluten Ort zum Ortsraum über Lagen und Abstände, die zu sagen gestatten, wo etwas ist; (S-DRdN 240)

Der absolute Ort wird zum System relativer, der Lage und dem Abstand nach einander bestimmender Orte, die zu sagen gestatten, wo etwas ist. (S-DWÜ 12)

Die räumliche Seite der primitiven Gegenwart ist die Enge, in die sich der Betroffene durch den Andrang des Neuen aus der Weite des Dahinlebens versetzt findet, als sei er weit weg gewesen. Sie ist ein streng, d.h. orientierungslos, absoluter Ort. (S-GedW 88)

Jetzt

vom absoluten Augenblick zur modalen Lagezeit mit Fluss der Zeit (S-DRdN 240)

Der absolute Augenblick entfaltet sich zu einem System relativer Augenblicke in einer modalen Lagezeit, da sowohl durch die Beziehung des Früheren zum Späteren oder Gleichzeitigen geordnet als auch in Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges eingeteilt ist, mit dem Fluss der Zeit, dass das Vergangene wächst, das Zukünftige schrumpft und das Gegenwärtige wechselt. (S-DWÜ 12)

Sein

vom Sein der exponierten Gegenwart gegenüber dem Nichtmehrsein der zerrissenen Dauer zur Gegenüberstellung des Seienden und Nichtseienden mit Projektion der Einzelheit in das Nichtseiende, wodurch es möglich wird, die Situationen zu überholen; (S-DRdN 240)

Das Sein entfaltet sich aus dem Gegensatz zum Nichtmehrsein der zerrissenen Dauer zum Gegenteil des Nichtseins überhaupt, mit der Möglichkeit, Einzelheite ins Nichtseiende zu übertragen, wodurch Planung, Phantasie, Erinnerung und Erwartung möglich werden. (S-DWÜ 12)

Dieses

von der absoluten Identität zur relativen, wodurch das Identische vielseitig (von vielen Gattungen her als das selbe bestimmbar) wird (S-DRdN 240)

Ich

vom absolute identischen Bewussthaber zum einzelnen Subjekt mit Gegenüberstellung des Eigenen und Fremden. (S-DRdN 240)

Siehe: Personale Emanzipation

Vertrautheit in der primitiven Gegenwart

Diese Vertrautheit verdankt man der primitiven Gegenwart, sei es, dass diese im elementar-leiblichen Betroffensein sich unmittelbar aufdrängt oder in personaler Regression, im affektiven Betroffensein, in leiblicher Engung nur sich ankündigt und näher rückt. (SNGE 211)