Sphärologie

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Peter Sloterdijk hat sich in seiner Sphären-Trilogie den Versuch einer Sphärologie gewagt.

Sphärologie als Wissenschaft vom Runden

Die Sphärologie als mathematische Disziplin ist Teil der Geometrie, die sich mit der Kugel befasst.

Nicht Außen- sondern Innenbetrachtungen

Der Ausgangspunkt der Sphären-Trilogie ist die Überzeugung, dass die Anthropologie und die Gesellschaftstheorie ausgedient haben, sofern sie den Menschen zu statisch in einem versachlichten "Außen" beschreiben. (H-PS 169)

Virtuell heißt, dass die Sphäre ganz ohne externes Fundament ist, kein Festkörper, sondern in allem ist, was wir kategorisieren und abstrahieren können als Sprache, als Imaginäres und Reales, also auch als Gesellschaft (H-PS 173)

Die Sphärologie denkt und spricht nicht in begrenzten Formaten, selbst da nicht, wo sie von kleinsten Sphären-Formationen, den Blasen - damit ist vor allem der psycho-akustischen Resonanzen erfüllte ursprüngliche Innenraum, ein Medium des ungeteilten Miteinanderseins gemeint -, handelt. (H-SP 187)

Konsubjekt

sphärische Intersubjektivität als Kon-Subjektivität (Oliveira in VDU 94)

Im Mittelpunkt des sphärischen Denkens stehen sowohl die Umwelt, d.h. die Welt der Gegenstände samt der Außennatur, als auch die Mitwelt anderer Menschen, wofür Sloterdijk das Wort "Konsubjekte" prägt. Konsubjekte werden von Sloterdijk für eine durch Andersheit aufkommende bewusste Selbstbezüglichkeit immer schon als primär konstitutiv "gedacht", d.h. ein bewusstes Verhältnis zu sich selbst entsteht erst in der "sphärischen Gegenwart" der Konsubjekte in gemeinsam geteilten Raum und nicht aus der selbstbezüglichen Reflexion heraus, wie etwa in der Tradition Descartes' und Fichtes (Oliveira in VDU 80f)

Sphärisch denkend ist das Subjekt also immer schon in die "Belange" anderer Konsubjekte involviert, und eine solche mehrfache, sphärische Selbstinvolvierung sieht Sloterdijk als primärer als die Selbstgewissheitstradition des Cartesianismus an, der in der kanonisierten Theorie der Subjektivität und Intersubjektivität nolens volens immer wieder durchschimmert. (Oliveira in VDU 85)

Die Unterhölung der dualistischen Alternative von Subjektivität versus Intersubjektivität, die Suche nach einer primäreren Form des Zugangs dazu als im Denken, ohne auf das Denken zu verzichten - all das macht aus dem sphärischen Denken eine originelle Theorie der immer schon intersubjekthaft angelegten Subjekt- und Konsubjekthaftigkeit. (Oliveria in VDU 85)

Es gibt folglich kein Außen für Konsubjekte. Alles ist innen; das folgt aus der Binnenrelationierung von Außen und Innen im Sphärischen (Oliveira in VDU 86)

[N]icht das Selbstbewusstsein eines monadenhaft isolierten Subjektes, sondern vielmehr das "Sein-in-Sphären" macht das Grundverhältnis neuzeitlicher Subjektivität aus. (Oliveira in VDU 89)

"das sphärische Konsubjekthaftigkeitsprinzip" (Oliveira in VDU 89)

Subjekthaftigkeit wird von Sloterdijk weiterhin als Teilhabe an sphärischen Resonanzen definiert. (Oliveira in VDU 91)

Sphäre

Unter Sphäre als Alternative zu dem traditionellen Weltbegriff versteht Sloterdijk: Kugeln, Atmosphären, Milieus, Kapseln, Verbände, Geweben, Schaumstrukturen.

Sphäre ist eine "virtuelle Kugel des Seins" (PS-B 67, aus H-SP 173)

Ohne Sphäre kein Leben. Sphären brauchen wir, wie die Luft zum Atmen; ... (Safranski in VDU 76)

Das Andeuten dessen, was gewöhnlich für nicht begrifflich gehalten wird: "Stimmungen, Gefühle, Eindrücke, Resonanzen, Töne, Schwingungen, menschliche Zwischenräume" (Oliveira in VDU 80}}

Ein sphärisch konsubjekthafte Ontologie mutiert damit zur prima philosophia neuartigen Zuschnitts: Sphären sind onto-epistemische Absolutheiten im Sinne von aristotelischen "Prinzipien", aber eben phänomenologisch verankerte, in der Sprache herausgearbeitete Absoluta. Nicht das einzelne Subjekt, sondern die Sphäre, die Subjekte "beherbergt", ist das Primäre. (Oliveira in VDU 88)

Vorräumigkeit

Das Sphärische als eine Art "Vorräumigkeit" (Oliveira in VDU 89):

[D]ie Bedingung der Möglichkeit von Verräumlichung und Raumwerdung, in die Konsubjekte immer schon involiviert sind. Die Welt in Raum und Zeit wird protosphärisch durch Schwingungen, Resonanzen und ähnliche a-rationalen Phänomene erschlossen. (Oliveira in VDU 89)

Sphäre als Struktur

Als von vornherein und je-schon konsubjekthaft gedacht werden Intra- und Intersubjektivität in der strukturellen Theorie- und Existenzanlage miteinander verzahnt und aus einer gemeinsamen strukturellen Wurzel heraus "erklärt". (Oliveira in VDU 90)

Vielmehr geht es um eine strukturell-genetische Gleichzeitigkeit von Intersubjektivität und Subjektivität, worin die eigentliche systematische Innovation von Sloterdijks Begriff der Konsubjekthaftigkeit liegen dürfte. (Oliveira in VDU 90f)

Überwindung der Subjekt-Struktur-Debatte

Wäre es vermessen zu denken, dass Sloterdijk an dieser Stelle einen sehr weitreichenden Gedanken erprobt, der nichts Geringeres anvisiert, als den nun steril gewordenen Widerstreit "Subjekt versus Struktur" aus den Debatten um Strukturalismus und Poststrukturalismus (endgültig?!) zu überwinden? Es ginge demnach um eine Integration der subjekthaften Komponente einerseits und der alle Subjekte involvierenden, subjektübersteigenden Dimension andererseits - sphärische Konsubjekthaftigkeit denkt eben beides in eins! (Oliveira in VDU 92)

Zeitgeschichtliche Aktualtität

Die Sphärologie ist inbesondere im Telekommunikationszeitalter vonnöten, weil die von ihre herangezogene Schaummetapher am besten das Leben "in einander verschachtelten simultanen Räumen" (H-PS 170) artikulieren und beschreiben kann.

Kritik der Psychoanalyse

Kritik an Freuds "Flucht in die Objektlehre" und an der versachlichenden Sprache. (Vgl: H-PS 186) Kritik an der Psychoanalyse, da sie Trennungen fördert anstatt (sphärische) Verschmelzungen. (Vgl: H-PS 185)

Kritik der Netzwerktheorie

In der Logik der Netzwerke vollendet sich die Entortung des Lebens, und nichts bringt den Nomosschwund prägnanter zum Ausdruck als die Paradoxie von der Stärke schwacher Bindungen. Peter Sloterdijks Philosophie will genau hier "katechontisch" wirken. Dem Zauber des Verknüpfungsmehrwerts schwacher Bindungen im Netz setzt er das Konzept einer Selbstverortung in der starken Beziehung entgegen. (Bolz in VDE 356)

Kritik der Kybernetik zweiter Ordnung

Es gehört sicher zu den wichtigsten Impulsen des Sloterdijkschen Denkens, nicht dem Zauber der Beobachtung von Beobachtern zu verfallen. Kybernetik zweiter Ordnung ist nicht Philosophie. Sloterdijk setzt seine Daseinsanalytik an den großen Lebensphänomenen Liebe, Solidarität, Innenraum und Intimität an. (Bolz in VDE 356)

Anschluss an Heidegger

Welt als Sphäre

Wenn ich über Heideggers Exposition des Raumproblems einen Schritt hinaus tue, so diesen, dass ich den Ort des Menschen als Sphäre interpretiere und mich nicht ganz abfinde mit der kahlen, einsam klingenden Formel vom In-der-Welt-Sein. Der Begriff Welt, den Heidegger benutzt, ist nach meinem Dafürhalten seinerseits noch zu metaphysisch gedacht, er ist totalistisch überspannt, weswegen ich diesen Ausdruck durch den der Sphäre ersetze. (SP-DSudT 175)

  • "Seinsvergessenheit" wird zur "Sphärenvergessenheit" (H-PS 183)

In-der-Welt-Sein als Zur-Welt-Kommen

... ich brauche bloß seine [Heideggers] Grundformel vom Dasein als In-der-Welt-Sein zu dynamisieren, und damit war die Alternativformel Zur-Welt-Kommen erreicht. (SH-DSudT 174)

Zur-Welt-Kommen ist die philosophische Formel für ein biologisches Ereignis von ontologischem Charakter (SH-DSudT 174)

In-der-Welt-Sein als In-Sphären-Sein

"In-der-Welt-Sein" wird zur "In-Sphären-Sein" (H-PS 183)

Was in der Sprache neuerer Philosophen das In-der-Welt-Sein genannt wurde, bedeutet für die menschliche Existenz zunächst und zumeist: In-Sphären-Sein. (Sloterdijk in PS-B 46)

Siehe: In-Sein

Topologische Basis der Sphärologie

Ebenso wie die Topologie betont die Sphärologie die Frage nach dem "Wo?".

Die Sphärologie setzt von vorneherein anders an. Wie gesagt, geht sie von der Frage aus: Wo ist das Individuum? Und beantwortet sie ... mit dem Hinweis auf eine elementare Form: Es ist in der Sphäre - es ist in einem gewölbten psychischem Feld, als Pol unter Polen. (SH-DSudT 145)

Kritik

Symbiose als Idealbild der Sphäre

Die Sphärologie von Peter Sloterdijk nährt das gefährliche Idealbild der Symbiose:

Darum sage ich, es gibt keine Individuen, sondern nur Dividuen - es gibt die Menschen nur als Partikel oder Pole von Sphären. Es existieren ausschließlich Paare und ihre Erweiterungen - was sich für das Individuum hält, ist bei Licht gesehen meist nur der trotzige Rest einer gescheiterten oder verhohlenen Paarstruktur. (Sloterdijk in SH-DSudT 144)

[D]enn ich generalisiere lediglich das bekannte Phänomen der psychischen Symbiose von seinen biologischen und anthropologischen Prämissen her. Ich ziehe die äußersten Folgerungen aus der normalen und doch exzessiv anmutenden existentiellen Verschränkung von mehreren Leben ineinander, wie sie bei Mutter und Fötus oder die in der Relation zwischen Hypnotiseur und Somnabule oder in der Paarverliebtheit auftritt. (SH-DSudT 161f)

Symbiose-Paradigma (SH-DSudT 162)

Wo ist das Individuum? Und geben die sphärologische Antwort: Es ist zunächst und zumeist Teil eines Paares - wobei es darauf ankommt, nicht nur das manifeste Paar zu beobachten, sondern vor allem die unsichtbare oder virtuelle Paarstruktur. Das Paar wäre also die primäre sphärische Form, die es zu beachten gilt. Die dyadische Verfasstheit ist die Situation der Situationen. (SH-DSudT 146)

Die "wichtigste sphärologische Einsicht": "dass all Menschen Zwillinge sind, ohne es zu wissen:" (SH-DSudT 1687f)

Während die neuzeitliche Tradition sauber getrennte, nebeneinander existierende Einzelsubjekte, die sich ihrer selbst bewusst sein wollen, als erste Gegebenheit annimmt, denkt Sloterdijk solche erste Gegebenheiten bereits "dyadisch" als sphärisch ko-involviert. (Oliveira in VDU 87)

Kritik am sphärischen Symbiosemodell

Gegen dieses sphärologische Idealbild der Symbiose betont die Topologie noch den (guten) eigenen Ort des Lebens, der sich von anderen Orten unterscheidet. Der Sphärologie als Wissenschaft kann die gesunde Abgrenzung zwischen den Sphären daher nicht hinreichend begrifflich thematisieren, und propagiert das Idealbild der symbiotischen Unterabgrenzung.

Sein Denken der starken Beziehung könnte hier eine faszinierende stereoskopische Optik gewinnen, wenn es Carl Schmitts Unterscheidung von Freund und Feind integrieren würde, denn diese Unterscheidung macht ja gerade das Politische als den höchsten Intensitätsgrad einer Beziehung kenntlich. Der Feind ist meine eigene Frage als Gestalt; er stellt mich in Frage (Bold in VDE 356)

Leibliche Sphäre unterminiert

Das In-Sein ist immer leiblich, daher ist der Leib das erste sphärische Moment. Demgegenüber betont Sloterdijk vorallem die Dyade als erstes sphärisches Moment.