Ilias

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Die Helden der Ilias stehen ihren leiblichen und emotionalen Regungen noch als dämonischen Mächten gegenüber (II1, 365ff.)

  • nicht der Held wirft den Speer, sondern sein Arm entsendet ihn
  • der Held spricht den Fluch nicht selbst, sondern die Worte entspringen ihm
  • nicht das Schuldgefühl hält den Held von einem Vergehen zurück, sondern ein Gott erscheint ihm und gebietet ihm Einhalt

Wirkende Kräfte: autonome leibliche Regungen und Partialtriebe

In der Ilias verstehen die Menschen und Götter ihr Erleben als unzentriert und offen. Sie nehmen ihr Schicksal nicht in die eigene Hand vernünftiger Planung und Entscheidung, sondern stehen ungeschützt im Konzert halbautonomer, teils treibender, teils hemmender Regungsherde, wie wir sie noch in Gestalt des Gewissens kennen, nur dass die homerischen auch noch leiblich lokalisiert sind; ferner sind die Menschen den Impulsen ergreifender Mächte von Göttern und Gefühlen wie dem Zorn ungeschützt ausgesetzt. Diese deznetrale Organisation des Erlebens wirkt keineswegs chaotisch, aber ihr fehlt die Selbststeuerung. (S-DWÜ 3)

Dezentrales unabgeschlossenes Erleben

Die Person steht ohne Hausmacht einer privaten Innenwelt ungeschützt im Konzert halbautonomer Regungsherde, deren wichtigster ihr Impulsgeber Thymos ist. (S-WNP 342)

Zentrale Ichschwäche

Die festgestellte zentrale Ichschwäche des homerischen Menschen ist nämlich nicht einfach seine Idiosynkrasie, sondern ein Phänomen, das in freilich wechselnden Grade immer vorhanden ist und nur in moderner Zeit durch "faustische" Wunschträume von Philosophen, Dichtern und anderen Menschen aus dem Bewusstsein verdrängt wird. Die großen asiatischen Kulturen sind von dergleichen Umdichtungen der Wirklichkeit weitgehend verschont geblieben und stehen daher dem phänomenologisch korrekteren homerischen Standpunkt in der Ilias näher als dem europäisch-amerikanisch modernen. (S-II1 445)

Mit dieser Schwäche der zentralen Ichsteuerung gegenüber den in der zerstreuten Fülle des körperlichen Leibes spontan auftretenden Impulsen hängt auch eine sehr bezeichnende Eigenschaft der Religiosität in der Ilias zusammen: die fast vollständige Auslieferung der Menschen an die göttlich-dämonische Eingebungen, die über sie kommen. (S-II1 444)

Durchlässigkeit für das Göttliche

Diese Durchlässigkeit für das Göttliche ist ein Ergebnis derselben zentralen Ichschwäche, die im Hinblick auf die leiblichen Regungen schon studiert wurde: So wie im Menschen Hunger und Schmerz aufsteigen und von der Person Besitz ergreifen, statt von ihr gesteuert zu werden, so steigt das Gättliche und sein Gebot im homerischen Menschen auf, wenigsstens in manchen Situationen, neben denen auch Szenen einer mehr partnerschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Gott vorkommen. (S-II1 444)

Verleiblichte Seele

Das Studium der für moderne Menschen zunächst fremdartigen Deutung des Erlebens in der Ilias hat nicht nur historisches Interesse, sondern die Einsicht in die Möglichkeit einer Anschauung, der sich mit naiver Selbstverständlichkeit alles Seelische verleiblicht, bringt einen auch unter systematischem Gesichtspunkt unschätzbaren Hinweis auf die Einseitigkeit des entgegengesetzten modernen Verfahrens, alles Leibliche zu verseelen. (S-II1 441)

Kampf um Selbstermächtigung in der Odyssee

In der Odyssee beginnt der Kampf der Person um Selbstermächtigung gegen das Konzert der Regungsherde. Odysseus schilt seinen Bauch, der ihn zu essen zwingt, wo er lieber über seine Ferne von der Heimat trauern möchte. (S-WNP 343)

Die Selbstermächtigung des personalen Subjektes gegenüber den wirkenden Kräften wird erst im Übergang zur Odyssee erkennbar.