Visualprimat

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Der Visualprimat ist der primäre Zugang zur Welt durch das Sehen des dimensionales Raumes, d.h. von Flächen. Davon zu unterscheiden ist der Gefühlsprimat, der von den Gefühlen ausgeht.

Geschichte

Privilegierung von Seh- und Tastsinn:

Anders als im alten China, wo Hörsinn und Sehsinn einander tendenziell gleichgestellt sind, zeichnet die europäische Philosophie eine Vorliebe für Sehen und Tasten aus. Bis heute sind wir von der Realität einer Sache erst wirklich überzeugt, wenn wir sie selbst gesehen und betastet haben - und vergessen noch im Prüfen, dass Erfahrungen aus erster Hand ohnehin immer seltener sind, zumal in einer medienvermittelten Welt! Von der Dominanz der Augen in unserer Kultur zeugen zahlreiche Redewendungen, auch wenn das sinnliche Sehen gar nicht gemeint sein kann. ...

Sind Seh- und Tastsinn privilegiert, dann ist Wahrnehmung bevorzugt auf feste Körperdinge gerichtet. Als Fernsinn sorgt der Sehsinn zusätzlich für Distanz zwischen Mensch und Welt, zwischen Subjekt und Objekt. (GL-RB 59)

Die Literatur zum "Okularzentrimus" des Westens ist inzwischen fast unübersehbar. Um an das Phänomen heranzukommen scheint mir der beste Einstieg David Michael Levin (Hg.). Sites of Vision. The Discursive Construction of Sight in the History of Philosophy. Cambgridge/Mass 1997. (Saldern,Münkel,Schwarzkopf: Geschichte als Experiment, S. 169)

Seit Jahrzehnten ist der Visualprimat unter Beschuss geraten. War die Philosophie traditionell eine Disziplin der Durchsetzung des Visualprimats, so ist sie in unserem Jahrhundert zu einer eindringlichen Kritikerin der Sehdominanz geworden. Die beiden wichtigen Denker der erste Hälfte dieses Jahrhunderts, Heidegger und Wittgenstein, haben die Orientierung am Sehen geradezu als das proton pseudos der abendländischen Denkgeschichte identifiziert und dagegen Momente des Hörens zur Geltung gebracht. Heidegger hat Platons Wendung zum Sehen als den Sündenfall der abendländischen Philosophie überhaupt begriffen. Durch ihn sein das Seiende von Grund auf zu einem Objekt, zu einem Gegenstand der Feststellung und Herstellung geworden. Mit der Wende zum Sehen beginne die abendländische Rationalisierung, die das Seiende berechenbar macht und die in der modernen Technik gipfelt, für die das Seiende nur noch verfügbarer Bestand oder maßzuschneiderndes Produkt ist. Demgegenüber hat Heidegger für den Übergang zum Hören, zum Vernehmen, zum sorgenden Umgang mit den Dingen plädiert. Und Wittgenstein hat die herkömmliche Bedeutungstheorie, die am Modell der Vorstellung orientiert ist - Bedeutungen sollen Objekte des geistigen Sehens sein -, durch eine Gebrauchstheorie der Bedeutung ersetzt: Der Sinn unserer Ausdrücke liegt in ihrem Gebrauch, und dieser ist von sozialen Formen der Verständigung und damit vom Hören unabtrennbar.

Der Übgergang von der Bewusstseinsphilosophie zum Paradigma der Kommunikation, wie er sich in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen europäischen und amerikanischen Denkrichtungen vollzogen hat, bedeutet jedesmal auch einen Übergang von der traditionellen Favorisierung des Sehens zu einer neuen Betonung des Hörens. (Saldern,Münkel,Schwarzkopf: Geschichte als Experiment, S. 34)

Unser Vokabular für Erkennen, Wahrnehmen und Wissen ist bestimmt durch einen "Okularzentrismus", d.h. unser Sprechen über diese Bereiche ist an das räumliche Sehen angelehnt, d.h. metaphorisch geformt (...). (CH-DuD 20)

Siehe: Dingontologie

Platon

So erschient schon bei Platon die 'geistige Hand' des unsinnlichen 'Begreifens' als 'Auge des Geistes', das zur Leitmetapher der europäischen Kultur wurde, auch wenn es mit großer Wahrscheinlichkeit aus der indisch-iranischen Tradition stammt. Dieses 'Auge' 'sieht' die Gedanken als Weltordnungen oder 'Natur-Gesetze', und diese 'Licht- und Sicht-Metapher des Denkens' dominierte das Selbstverständnis gedanklicher Aktivität dann dermaßen, dass an ihrer 'geistigen Sinnlichkeit' keine Zweifel aufkamen, weil sie als Sinnhaftigkeit aufgefasst wurde. (GR-LS 358)

Seit der Antike ist das Sehen/Wahrnehmen eine Leitmetapher für Erkenntnis und das Denken (z.B. bei Platon). Der Sehsinn wird in der Philosophie als "edelster", "freiester" Sinn auserkoren, als Projektionsfläche zu dienen. Griech. "theoria" meinte ursprünglich soviel wie "geistige Anschauung von etwas". Die Philosophen beschäftigten sich weder mit den Dingen an sich noch mit den Erscheinungen, sondern mit dem geistigen "Entwurf", den Vorstellungen und damit Bildern von Zusammenhängen. Unsere Sprache enthält immer schon konventionelle Sichtweisen, die wir miterwerben. Diese Perspektivität der Sprache ist uns meist nicht so bewusst wie die Perspektivität des sehenden Wahrnehmens, obwohl beide in ihrer Geschichte verknüpft sind. (CH-DuD 20)

Aristoteles

Danach ist es vor allen anderen Wahrnehmungen der Gesichtssinn, der "uns am meisten Erkenntnis gibt und viele Unterschiede aufdeckt." (Aristoteles, Metaphysik 980a) (http://www.haraldlemke.de/texte/Lemke_Geschmackssinn.pdf)

Kritiken

Kritik des europäischen Okularzentrismus (GB-A2 119)

Neben der für Europa charakteristischen kulturellen Dominanz des Sehens ... (GB-A2 120)

... eine Umsetzung des Ideals einer vollständig durchschaubaren und kontrollierbaren Welt ... . Diese Idee wurde als Ausdruck der von Heidegger in die Zeit des Weltbildes (1938/1950) dargestellten Unterwerfung der Welt durch ihre Auffassung als Bild, beziehungsweise ihre Vor-stellung, verstanden. ()

Quelle: [1]