Systemische Naturtherapie

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Die systemische Naturtherapie ist eine Form der systemischen Therapie und Beratung, bei der die heilsame Wirkung von Naturräumen durch ein entsprechendes methodisches Repertoire zur Geltung gebracht wird.

Entstehung

Entstanden ist die systemische Naturtherapie aus Ansätzen von systemischer Therapie und Erlebnistherapie/Experientialism (Ruth Cohn). Ihre Begründer sind Astrid Habiba Kreszmeier und Hans-Peter Hufenus. Unmittelbarer Vorläufer der systemischen Naturtherapie war die systemische Erlebnispädagogik. Als eigenständige Therapie- und Beratungsform besteht sie seit Anfang der 2000er Jahre, ihre Entstehung reicht zurück in die neunziger Jahre, einzelne Wurzeln sind älter. [1]

Überblick

Die idealtypische Form der systemischen Naturtherapie ist die mehrtägige Reise durch eine gezielt ausgewählte Landschaft. Sie kommt aber auch in Kurzzeit-Settings zum Einsatz. Systemische Naturtherapie wendet sich der Natur als Raum zu, der Lösungen und (Selbst-) Heilungsschritte begünstigt. Sie betrachtet die unterschiedlichen Naturräume wie Meer, süße Gewässer, Berge oder Wald sowie die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft in ihrem Wirkungspotential für heilende Prozesse. Maßgeblich für ihr Natur- und Menschenbild ist ein Verständnis elementarer Kräfte und Kreisläufe. [2]

Das Interventionsrepertoire umfasst schwerpunktmäßig Anleitungen und Verschreibungen zur Naturerfahrung sowie szenische Arbeitsformen (Aufstellungsarbeit, Mythenspiel), aber auch kreative Techniken und rituelle Strukturen. Alle Methoden sind für die Arbeit in der Natur adaptiert oder eigens entwickelt worden. Während in der systemischen Therapie und Beratung vielfach Gespräche die therapeutische Arbeit dominieren, stehen in der systemischen Naturtherapie Arbeitsweisen im Vordergrund, die unterschiedliche Ebenen und Sinne ansprechen.

Zu den Gestaltungselementen von naturtherapeutischen Prozessen gehört eine idealtypische initiatorische Struktur mit ihren Phasen des Aufbruchs, der Prüfungen in der Anderswelt und der Rückkehr wie sie Arnold van Gennep beschrieben und Joseph Campbell als universelle Struktur vieler Märchen und Mythen herausgestellt hat.

Die systemische Naturtherapie stützt sich auf eine Modellvorstellung menschlicher Ganzheit sowie ein daran geknüpftes Handlungsschema mit grundlegenden Prozessverläufen.

Therapeutisches Verständnis

In ihrer Haltung folgt die systemische Naturtherapie systemischen Schulen darin, dass sie ihren Klienten Expertenschaft und damit auch Verantwortung über sich selbst zuspricht. Ihre Arbeitsweise unterstützt Selbstorganisationsprozesse aufseiten der Klienten in hohem Maß. Systemische Naturtherapie ist eine wenig direktive Therapieform, die Beratung erfolgt eher punktuell und aus dem Hintergrund. Erst im „opportunen Moment“, in dem ein Thema sich verdichtet und deutlich nach Lösung verlangt, kommen Interventionen und Methoden zum Einsatz. In der praktischen Arbeit tritt neben die Beziehung zwischen Therapeut und Klient diejenige zwischen Klient und Natur. Sie bewirkt richtungweisende Bilder, Empfindungen und Erfahrungen zugunsten von Lösungen und unterstützt heilsame Prozesse.

Ganzheitsmodell

Die systemische Naturtherapie entwirft ein dreiteiliges Ganzheitsmodell, indem sie von Körper, Psyche (Emotionen und Bewusstsein) und einer transpersonal zu verstehenden Seele mit ihren je eigenen Gesetzmäßigkeiten spricht. Während die Begriffe Psyche und Seele im therapeutischen Bereich üblicherweise synonym verwandt werden, trifft die systemische Naturtherapie hier eine Unterscheidung, die Konsequenzen für die Praxis hat. Körper, Psyche und Seele erfahren eine differenzierte Ansprache. Im idealen Fall sind diese drei Ebenen in guter Verbindung miteinander. Ihre Ausrichtung zueinander wird durch eine bildhafte „essentielle Mitte“ organisiert. Als eine Art „Referenzpunkt“ ermöglicht sie ihnen, ihren je eigenen Grundkräften und Bewegungen gemäß und dennoch in eine gemeinsame Richtung zu wirken.

Leitidee

Als grundlegende Voraussetzung für das Gelingen eines solchen Zusammenspiels der verschiedenen Ebenen gilt, dass ein Mensch sich „unmittelbar und bedingungslos dem Leben angeschlossen fühlt“ [3] Dieses Prinzip der Zugehörigkeit ist eine Leitidee der systemischen Naturtherapie. Fühlen Menschen sich dem Leben angeschlossen, erleben sie sich als lebendig und am richtigen Ort. Die Zugehörigkeit als Prinzip ist bekannt aus der Aufstellungsarbeit. In der systemischen Naturtherapie wird sie weiter gefasst, über die Zugehörigkeit zu bestimmten Systemen hinaus als Zugehörigkeit zum Leben schlechthin.

Handlungsschema

Systemische Naturtherapie und Beratung wendet sich an die psychische Ebene im Menschen. Sie nimmt jedoch zugleich Prozessverläufe auf den Ebenen von Körper und Seele wahr und hat ihr Zusammenwirken im Blick. Sie unterscheidet vier Prozessverläufe: Grenzbildung(1), Einverleibung (2), Anbindung (3), Einmittung (4). Während Reinigungs- und Integrationsprozesse (1 und 2) fortlaufend auf allen drei Ebenen erfolgen und häufig miteinander einhergehen, richten sich Anbindungsbewegungen (3) auf das Zusammenspiel der Ebenen Körper, Psyche und Seele. Einmittungserfahrungen (4) führen zu einem ausgeglichenen, zielgerichteten Zusammenspiel der drei Ebenen und einer Verbindung mit ursprünglichen Lebenskräften. Systemische Naturtherapie verlässt hier bewusst das Feld der Psychotherapie im engeren Sinn und nimmt auch spirituelle Ressourcen mit in den Blick – hier gibt es Berührungspunkte zu Entwicklungen in der Aufstellungsarbeit. [4] Sie schafft gerade durch das Arbeiten in der Natur Rahmenbedingungen, die Anbindungsprozesse und Einmittungserfahrungen unterstützen. Die Wahrnehmung dieser Prozessverläufe ist richtungweisend für die Bildung von Hypothesen und die therapeutischen Interventionen gemäß der unterschiedlichen Bewegungen und Sprachen von Körper, Psyche und Seele.

Wirkung

Ein Blick auf die Internetseiten der Anbieter zeigt, dass die systemische Naturtherapie auch in Beratungskontexten in der Natur, in Gruppenseminaren zur Persönlichkeitsentwicklung sowie für die Gestaltung von Übergangsritualen zum Einsatz kommt. In Fachkreisen besitzt sie Ausstrahlungskraft für handlungs- und erlebnisorientierte Begleitungsformen in der Natur insgesamt. In der Aufstellungsarbeit sind die besonderen Aufstellungsformen in der Natur sowie die differenzierte Unterscheidung von psychischer und seelischer Ebene einflussreich geworden. [5]

Einzelnachweise

  1. Kreszmeier: Systemische Naturtherapie, 2008; Kreszmeier/Hufenus: Wagnisse des Lernens, 2000; Weiterbildungslehrgänge und Fachtagungen finden seit 2004 regelmäßig statt. Anbieter finden sich seit 2006 im gesamten deutschsprachigen Raum.
  2. Kreszmeier: Systemische Naturtherapie, 2008. Auf dieses Grundlagenwerk beziehen sich die folgenden Abschnitte wo nicht anders vermerkt. Zu der Arbeit in Orixátraditionen siehe Kreszmeier: Ilê Axé Oxum Abalô, 2009. Weitere Definitionen der systemischen Naturtherapie finden sich in: Zuffellato/Kreszmeier: Systemische Erlebnispädagogik. Theorie und Praxis der Erlebnispädagogik aus systemischer Perspektive. Ziel-Verlag, Augsburg 2008, ISBN 978-3-937210-97-1, Art. Naturtherapie sowie unter http://www.systemische-prozessgestaltung.de/a_bis_z_systemische-naturtherapie.html (verfügbar am 8.3.2010).
  3. Kreszmeier: Systemische Naturtherapie, 2008, S. 72
  4. Baxa u. a. (Hrsg.): Verkörperungen, 2004; sowie exemplarisch Gunthard Weber (Hrsg.): Derselbe Wind lässt viele Drachen steigen. Systemische Lösungen im Einklang. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2001, ISBN 3-89670-124-X. Ein weiterer Bezugspunkt sind: Rupert Sheldrake und Matthew Fox: Die Seele ist ein Feld. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Scherz, Bern etc. 1998, ISBN 3-502-61023-1
  5. Übersichtsseite Anbieterinnen Systemischer Naturtherapie und Beratung: http://www.planoalto.ch/soziale_bildende_heilende_berufe.html (verfügbar am 10.3.2010); Grote: Systemische Naturtherapie (Buchbesprechung). In: Erleben und Lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen. 3&4/2008, ISSN 0942-4857, S. 60; Baxa: Systemische Naturtherapie (Buchbesprechung). In: Praxis der Systemaufstellung. 2/2008. ISSN 004769997, S.95-96

Literaturhinweise

  • Astrid Habiba Kreszmeier: Systemische Naturtherapie. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-89670-623-2
  • Guni Leila Baxa u.a. (Hrsg.): Verkörperungen. Systemische Aufstellung, Körperarbeit und Ritual. 2. erweiterte Auflage. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2004, ISBN 20043-89670-443-5
  • Astrid Habiba Kreszmeier und Hans-Peter Hufenus: Wagnisse des Lernens. Aus der Praxis der kreativ-rituellen Prozessgestaltung. Haupt, Bern etc. 2000, ISBN 3-258-06216-1
  • Kreszmeier, Astrid Habiba und Banda Profana: Ilê Axé Oxum Abalô. Zur Arbeit in und mit Orixátraditionen. Hörbuch. Terra Sagrada International, Stein/AR 2009, ISBN 978-3-033-02054-2



Init-Quelle

Entnommen aus der:

Erster Autor: Thoko2010 angelegt am 30.03.2010 um 20:52,
Alle Autoren: Regi51, Thoko2010, Knoerz, KliSo, Drahreg01, AHZ