Zen: Unterschied zwischen den Versionen

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== Feldstruktur der Zen-Erfahrung ==
 
== Feldstruktur der Zen-Erfahrung ==
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{{c|..., dass die Wirklichkeit so wie sie Zen begreift, am besten durch ein gesättigtes Energiefeld dargestellt wird, eine besondere Spannung, die von zwei hauptsächlichen Kräftequellen, dem Subjekt und dem Objekt, aufgebaut wird; wobei das Wort Subjekt im Sinne des ICH (= ICH SEHE DIES), das heißt der Aktualisierung des ganzen Feldes, und das Wort Objekt im Sinne des (ICH SEHE DIES =) DIES, das heißt wieder der Aktualisierung desselben Feldes, verstanden wird. Wir sahen ferner, wie empfindlich das Gleichgewicht zwischen den beiden Kräften ist. Das Feld selbst bleibt immer erhalten, auf welche Seite der beiden Sphären die innere Energie auch verlagert sein mag. Aber der eigentliche - das heißt bewusste - Punkt, an dem das Gleichgewicht immer erhalten bleibt, bewegt sich ständig durch das gesamte Feld, von der reinen Subjektivität zur reinen Objektivität.|TI-PZB 50}}
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{{c|Für eine Erläuterung der "[[Feld]]struktur" der Zen-Erfahrung siehe meine Abhandlung "Philosophy of Zen" (in ''Contemporary Philosophy'', Hg. Raymond Klibansky, Vol IV, Florenz 1971). Siehe auch Essay II dieser Ausgabe (Essay III der englischen Ausgabe.|TI-PZB 86}}
 
{{c|Für eine Erläuterung der "[[Feld]]struktur" der Zen-Erfahrung siehe meine Abhandlung "Philosophy of Zen" (in ''Contemporary Philosophy'', Hg. Raymond Klibansky, Vol IV, Florenz 1971). Siehe auch Essay II dieser Ausgabe (Essay III der englischen Ausgabe.|TI-PZB 86}}
  

Version vom 10. August 2014, 19:12 Uhr

Zen ist nicht unbedingt gegen Worte, sieht aber sehr klar, dass diese sich nur allzuleicht von der Wirklichkeit ablösen und dann Begriff und Vorstellung werden. Und dieses Gerinnen der Wörter zu bloßen Begriffen, das ist es, wogegen das Zen sich richtet. Der Zen-Mönch unseres Beispiels ist vielleicht ein etwas extremer Fall, aber er verkörpert diesen Geist sehr deutlich. Zen möchte mit der Sache selbst zu tun haben, nicht mit leeren Abstraktionen. Deshalb hat das Lesen und Rezitieren der Sûtras im Zen keinen besonderen Stellenwert von der Diskurs über abstrakte Gegenstände erst recht nicht. (Suzuki 9)

Substanz und Relation

Ein philosophisches System, das auf der Kategorie der substantia ruht und in den Substanzen die grundlegendsten ontologischen Elemente sieht, tendiert beinahe unvermeidbar dazu, die Form des Essentialismus anzunehmen. (TI-PZB 28)

Einer der wichtigsten philosophischen Grundsätze des Zen-Buddhismus behauptet nämlich, dass, wenn ein Ding - irgendein Ding - durch und durch und vollständig bis zu dem höchstmöglichen Ausmaß es selbst wird, es am Ende seine eigenen Grenzen durchbrechen und seine Bestimmung übersteigen wird. (TIPZB 32)

Logik

Die 3 logischen Stufen:

1. Stufe: A ist A (Der Satz der Identität)

Die Ebene der empirischen Erfahrung.

Aristotelische Logik Zen Logik
Identisch

Im dem Fall der traditionellen aristotelischen Logik wird der Ausgangspunkt durch den Satz der Identität geliefert, "A ist A", der, wie wir oben sahen, die logische Grundlage der metaphysischen Wesensphilosophie konstituiert. (TI-PZB 32)

Der Satz der Identität bedeutet auch im Zen-Buddhismus, dass ein Ding, was immer es auch sei, mit sich selbst identisch ist. Um diese empirische Wahrheit auszudrücken, sagt Zen: "Berg ist Berg." (TI-PZB 32)

Unterschiede

Rein äußerlich gibt es hier also keinen Unterschied zwischen dem aristotelischen Logiksystem und der Zen-Logik. Aber schon auf dieser Anfangsstufe nimmt Zen einen anderen Standpunkt ein, der sich bedeutend von der aristotelischen Position unterscheidet. Denn in dem Satz der Identität (A ist A) erkennt Zen die Selbst-Gefälligkeit des normalen bon sens. Für Zen ist die Formel "A ist A" nicht etwas die Beschreibung einer gut begründeten Beobachtung der Wirklichkeitsstruktur, sondern eine logische Darstellung der illusionsreichen Sicht der Wirklichkeit durch den Schleier der Mâyâ, das natürliche Resultat der Tatsache, dass der Mensch alle Dinge der Welt mit der einengenden Belichtung des diskriminierenden Intellekts misst. (TI-PZB 32)

2. Stufe: A ist nicht A

Der grundlegende Unterschied zwischen der gewöhnlichen Logik und der Zen-Logik tritt mit unbestreitbarer Klarheit bei der nächsten Stufe hervor.

  • Denn erstere entwickelt natürlich den Satz der Identität in den Satz vom Widerspruch (A ist nicht nicht-A) weiter,
  • während letztere ihn in einen offenkundigen Widerspruch entwickelt, der behauptet: "A ist nicht-A." Zen bezieht sich auf diese widerspruchsvolle Stufe mit dem Spruch: "Der Berg ist nicht-Berg." Es muss jedoch immer bedacht werden, dass, wenn Zen so etwas behauptet, es dies nicht in der gleichen epistemischen Dimension des "A ist A" tut. Solange man auf der Stufe des "A ist A", der Eben der empirischen Erfahrung, bleibt, ist man unfähig, gleichzeitig zu sagen, "A ist nicht-A", es sei denn, man sei verrückt. (TI-PZB 32f)

Die Tatsache, dass eine solche Aussage gemacht werden kann, setzt bei dem aussagenden Menschen eine völlige Bewußtseinsveränderung voraus, dergestalt, dass er fähig ist wahrzunehmen, wenn A in einem solchen Ausmaß A "wird", dass es durch seine eigene A-heit bricht und ihm den formlosen wesenlosen und "aspekt"-losen Aspekt langsam enthüllt.

So verstanden muss die Formel "A ist nicht-A" analytisch folgendermaßen paraphrasiert werden: "A ist so durch und durch A, dass es nicht mehr A ist." Metaphysisch ist dies die Stufe des chên k'ung (jap.: shin kû), des "wirklichen Nichts". A ist hier nicht-A im positiven Sinne, indem es so absolut jenseits der Bestimmung und Begrenzung der A-heit ist, dass es viel mehr ist als nur A allein. (TI-PZB 33)

3. Stufe: A ist (wieder) A

  • "transzendentale" Erkenntnis, nicht-diskriminierende Erkenntnis, höchstes Wissen.

Trotz der formalen Identität ist die innere Struktur von "A ist A" in beiden Fällen völlig verschieden. Denn auf der letzten Stufe ist "A ist A" nur die abgekürzte Form für den Ausdruck "A ist nicht-A; deswegen ist es A". Das Diamanten-Sûtra, auf das wir uns schon bezogen haben, beschreibt diese Situation mit den folgenden Worten: "Die Welt ist keine Welt; deshalb muss sie Welt genannt werden." "Ein Ding, welches auch immer, ist kein Ding; deshalb muss es Ding genannt werden." Diese Stufe ist im Mahayana-Buddhismus das miao yu (jap: myô u), "außergewöhnliches Sein. (TI-PZB 33)

Was sich wirklich im menschlichen Bewusstsein ereignet zwischen der Stufe des "A ist nicht-A" und der nächsten Stufe, der des "A ist (wieder) A", bestimmt ausschlaggebend die Natur des Zen-Buddhismus. Das Ganze bewegt sich um den Mittelpunkt der völligen Vernichtung aller individuellen Dinge im Nichts und der Wiedergeburt aus dem Tiefpunkt des Nichts in den Bereich der empirischen Wirklichkeit als konkrete Individuen, deren innere Struktur völlig verwandelt ist. Das Emporsteigen dieses Bewusstseins in einem konkreten individuellen menschlichen Geist ist das, was im Buddhismus unter prajnâ bekannt ist und mit "transzendentale Erkenntnis", "nicht-diskriminierende Erkenntnis" oder "höchstes Wissen" übersetzt werden könnte. (TI-PZB 34)

Die drei logischen Stufen spiegeln die drei Grundstufen des Prozesses der Geburt und Konstituierung der Prajnâ-Erkenntnis wider, obwohl gewiss jede dieser drei subjektiven Stufen die Vorhandenheit einer entsprechenden ontologischen Dimension impliziert. (TI-PZB 34)

Siehe: [TI-PZB 32f]

Feldstruktur der Zen-Erfahrung

TI-PZB 50 ({{{2}}})

Für eine Erläuterung der "Feldstruktur" der Zen-Erfahrung siehe meine Abhandlung "Philosophy of Zen" (in Contemporary Philosophy, Hg. Raymond Klibansky, Vol IV, Florenz 1971). Siehe auch Essay II dieser Ausgabe (Essay III der englischen Ausgabe. (TI-PZB 86)

Im Zen-Buddhismus wird damit viel eher ein dynamisches Kräftefeld in seiner Vollständigkeit und Ganzheit gemeint, ein vollständiges Feld, das weder ausschließlich subjektiv noch objektiv ist, sondern sowohl das Subjekt als auch das Objekt in dem besonderen Zustand vor der Trennung in diese beiden Termini zusammenfasst. (TI-PZB 29)

Noch befremdender und interessanter mag jedoch die Tatsache sein, dass die Selbst-Artikulation des Zen tatsächlich der Kern der Zen-Erfahrung konstituiert; einer Erfahrung, die in der theoretischen Analyse am besten als eigentümliche Weise der (psychologischen und ontologischen) Wirklichkeitsartikulation dargestellt werden könnte. Mit "psychologischer und ontologischer Wirklichkeitsartikulation" ist ein Prozess gemeint, durch den sich die endgültige Wirklichkeit - die als metaphysisches Feld dargestellt werden könnte, das jenseits der Entzweiung in Subjekt und Objekt aktualisiert wird - in eine gewisse Anzahl unterschiedlicher Stadien artikuliert, durch eine graduelle Wandlung des menschlichen Bewusstseins, die sich einerseits im Zustand der tiefen Meditation und andererseits in der natürlichen Artikulation des existentiellen Urgrundes vollzieht. (TI-PZB 86)

Siehe: Feldstruktur der Zen-Erfahrung

Jenseits von Subjekt und Objekt

In exakter Entsprechung zu der totalen Verwandlung des Subjekts ereignet sich auf der Seite des "Objekts" eine drastische Wandlung, denn wenn es kein "Subjekt" mehr gibt, das dem "Objekt" gegenübersteht, so kann es auch kein "Objekt" mehr geben. An dieser Stelle verlieren alle Dinge ihre wesentliche Begrenzung. Und da sie nicht mehr durch die ontologische Grenze zurückgehalten werden, fließen alle Dinge ineinander, einander widerspiegelnd und voneinander widergespiegelt in dem grenzenlos ausgedehnten Feld des Nichts. Der Berg ist hier kein Berg mehr, der Fluss kein Fluss mehr, denn auf der entsprechenden subjektiven Seite bin "ich" nicht mehr "ich". (TI-PZB 35)

Die Wirklichkeit im eigentlichen Sinne ist daher etwas, dass sowohl hinter dem Subjekt als auch hinter dem Objekt liegt und beide in deren besonderer Form auftauchen lässt, dies als Subjekt, jenes als Objekt. (TI-PZB 29)

Erkenntnistheorie des Zen

Dualismus

Das erste Stadium wird angemessen dargestellt durch den Cartesianischen Dualismus, der auf der grundlegenden Dichotomie von res cogitans und res extensa gründet. Diese Philosophie könnte man als ein ontologisches System beschreiben, das sich auf die dualistische Spannung zwischen zwei "Substanzen", die nicht aufeinander zurückführbar sind, stützt. Es kann auch als eine Weltanschauung beschrieben werden, in der der Mensch, das heißt das Ich, die Dinge von außen betrachtet und sich selbst in der Rolle eines Zuschauers befindet. (TI-PZB 24)

Sein-in-der-Welt

Die zweite Phase könnte angemessenerweise durch die Heideggersche Idee des "Seins-in-der-Welt" besondern im dem Zustand der ontologischen Verfallenheit veranschaulicht werden. Anders als in der Situation, die wir gerade in bezug auf die erste Phase der dichotomischen Welt-Sicht betrachtet haben, ist der Mensch hier subjektiv grundsätzlich verwickelt mit dem Schicksal der Dinge, die ihn umgeben. (TI-PZB 24)

Keine Unterscheidung zwischen Ich und dem Anderen

Die Weltanschauung des gesunden Menschenverstandes auf der zweiten Stufe steht dem Zen näher als die erste. Bei genauerem Hinblick sieht man jedoch, dass die empirische Weltanschauung, sei es die der ersten oder der zweiten Stufe, von der Zen-Weltanschauung strukturell verschieden ist. Denn die empirische Weltanschauung wird von einem Intellekt ausgearbeitet, der nur dort funktioniert, wo die Unterscheidung zwischen dem Ich und dem Anderen getroffen worden ist. Der ganze Mechanismus gründet sich explizit oder implizit auf die Überzeugung der unabhängigen Existenz einer Ich-Substanz, die sich den äußeren substantiellen Objekten entgegensetzt. Ob das Subjekt als außerhalb oder inmitten der Welt der Objekte befindlich dargestellt wird, ist belanglos, denn dieser grundlegende Cartesianische Gegensatz muss, so Zen, zerstört werden, bevor der Mensch die Wirklichkeit seiner selbst und der sogenannten äußeren Objekte überhaupt sehen kann. (TI-PZB 25)

Phänomenologie des Zen

Siehe: Phänomenologie des Zen